Lazy Dog

Vorsicht vor Faulenzern in Teams?

Gemeinsam leistungsfähiger als alleine? Das „Wir“ erfolgreicher als das „ich“? Der erste Gedanke: ja natürlich! Im agilen Arbeiten ist klar: Alle Macht dem Team. Komplexe Herausforderung brauchen gut zusammen arbeitende Experten in einem interdisziplinären Team für Höchstleistung. Gemeinsam sind wir stark! Aber ist das wirklich immer so?

Geht man nach dem sogenannten Ringelmann-Effekt lautet die Devise genau das Gegenteil: „Gemeinsam sind wir schwach!“ Aber: was ist das für ein Effekt? Der Ringelmann-Effekt bezeichnet die Situation, in der kollektive Leistung von Personen in einer Gruppe geringer ausfällt als durch das Summieren der Einzelleistungen zu erwarten wäre.

Sind also Teams oder Gruppen wirklich leistungsfähiger als Einzelpersonen? Und was begünstigt die Leistungsfähigkeit in einem Zusammenschluss von Menschen? Differenziert sich die Leistungsfähigkeit nach Aufgabenart?

Starten wir erst einmal mit dem Ringelmann-Effekt und der Behauptung, Teamarbeit sei nachteilig für die Leistungserbringung.

Leistungsnachteile in Gruppen

1882 untersuchte Maximilian Ringelmann die Leistung von Pferden. Das überraschende Ergebnis: Die Leistung zweier Pferde beim Ziehen einer Kutsche ist die gleiche, wie die eines einzelnen Pferdes. Übertragen auf den Menschen hieß das für Ringelmann: Je mehr Männer sich gleichzeitig beim Ziehen einer Last beteiligten, desto weniger Leistung brachte jeder einzelne. Hieraus entwickelte er die Formel: zwei Personen, die gemeinsam eine Aufgabe verrichten erbringen nicht 2 × 100 Prozent, sondern nur etwa 2 × 93 Prozent Leistung. Die Frage, ob der Grund hierfür die Motivation der Menschen oder Effekte aus einem Aufwand für die Koordination war, blieb unbeantwortet.

Einige Psychologen bezeichneten diesen Effekt als „sich auf Kosten anderer auszuruhen“ (Social Loafing). Dieser Effekt trete insbesondere auf, wenn die individuelle Leistung eines Gruppenmitglieds von Außenstehenden nicht eindeutig festgestellt werden konnte und es dem Einzelnen gleichermaßen nicht möglich war, seine individuelle Leistung selbst klar zu beurteilen. Mehrere Experimente führten zu folgenden Erkenntnissen:

Soziale Faulheit wird sowohl durch Anonymität, als auch durch Fehlen sozialer Vergleichsprozesse begünstigt. Wenn Selbstdarstellungsmotive (also die Inszenierung einer Person, um ein „erwünschtes Selbst“ hervorzurufen und sich in einer Gruppe durch Interaktion vergleichen zu können) nach außen oder nach innen vorhanden sind, wird soziale Faulheit verhindert. Und sie verschwindet zudem, wenn zwar keine Bewertung der Einzelleistungen, aber eine Bewertung der Gruppenleistung möglich ist.

Leistungsvorteile in Gruppen

Neben den Nachteilen gibt es eine Reihe von Leistungsvorteilen in Gruppen, die in unterschiedliche Typen eingeteilt werden können:

  • Typus A: des Hebens und Tragens (durch Krafteinsatz zu bewältigende Aufgaben können durch die Addition der Kräfte besser gelöst werden, wenn die Koordination der Kräfte gewährleistet ist)
  • Typus B: des Suchens und Findens (objektiv lösbare Aufgaben werden in der Gruppe besser gelöst, wenn jedes Mitglied etwas einbringt)
  • Typus C: des Bestimmens (objektiv nicht lösbare Aufgaben werden durch eine Kompromisslösung, mit der sich alle einverstanden erklären können, bewältigt)
  • Typus D: des Wettstreitens (Erhöhung der Aktivität in einer Wettbewerbssituation)

Nicht zu verachten ist außerdem der Aspekt der „emotionalen Gruppenvorteile“, also das Zusammengehörigkeitsgefühl, das die Mitglieder einer Gruppe entwickeln.

Welche Aspekte können zu einem Leistungsvorteil innerhalb einer Gruppe führen?

  • Motivation der Gruppenmitglieder, Fragestellungen miteinander zu beantworten.
  • Jedes Gruppenmitglied muss sich zuerst allein, also völlig unabhängig von den anderen, um die Problemlösung bemühen.
  • Die einzelnen Ergebnisse müssen anschließend diskutiert werden, damit die jeweils Anderen die Ideen nachvollziehen können. Jeder muss seine Gedanken einbringen und jeder muss auch dem anderen „aktiv zuhören“.
  • Die Lösungen der Einzelnen müssen akzeptiert werden. Dies gilt auch für die vermeintlich „schwächeren“ Gruppenmitglieder, deren Fragen Erklärungen herausfordern, die häufig eine neue Sichtweise eröffnen.
  • Die Gruppenlösung sollte von allen Mitgliedern getragen werden können (wenn möglich auch ohne Abstimmung).

Auch wenn die Punkte sicher einleuchtend sind, sorgen Leistungsunterschiede in Gruppen immer noch für Gesprächsstoff. Um das besser zu verstehen hilft es, unterschiedliche Aufgabentypen zu betrachten.

Unterschiedliche Aufgabentypen

Aufgaben lassen sich in zwei grundlegende Gruppen unterscheiden.

  • Konjunktive Aufgaben: die Aufgabe ist nur mit mehreren oder allen Mitgliedern zu bewältigen. Bei konjunktiven Aufgaben entscheidet das schwächste Gruppenmitglied über die potenzielle Gruppenleistung.
  • Disjunktive Aufgaben: zur Lösung der Aufgabe genügt es, wenn zumindest ein Mitglied die Lösung findet. Die potenzielle Gruppenleistung entspricht der Leistung des kompetentesten Gruppenmitgliedes.

Disjunktive Aufgaben werden weiter in evidente Lösungen und nicht-evidenten Lösungen unterteilt. Evidente Lösungen sind solche, die sofort von allen Mitgliedern akzeptiert werden. Wenn die Gruppenmitglieder bei Problemen mit nicht-evidenten Lösungen unterschiedliche Lösungsvorschläge machen ist es nötig, dass sich die Gruppe mit Hilfe einer Entscheidungsregel (beispielsweise absolute oder relative Mehrheit, „Diktatur“ durch eine bestimmte Person oder andere) auf eine bestimmte Lösung einigt. Die Entscheidungsregeln werden Einfluss haben auf die Gruppenharmonie – die wir hier erst mal nicht weiter betrachten.

Bei disjunktiven Aufgaben mit evidenten Lösungen lautet die Entscheidungsregel im allgemeinen: „die Wahrheit siegt“. Welche Lösung schließlich akzeptiert wird, hängt von den Häufigkeiten der verschiedenen Lösungsvorschläge und von der verwendeten Entscheidungsregel ab.

Ergebnisse aus Experimenten

Für den Nachweis von Leistungsvor- und Nachteilen von Gruppen wurden bereits vor rund 90 Jahren eine Vielzahl von Experimenten durch unterschiedliche Psychologen und Soziologen durchgeführt (zum Beispiel das Experiment zum Leistungsvorteil von Shaw (1932) oder das Experiment zu Leistungsnachteilen von Thorndike (1938)). Die wichtigsten Erkenntnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

  • Bei der Arbeit in Gruppen wurden signifikant mehr richtige Lösungen gefunden im Gegensatz zur Bearbeitung von Aufgaben durch Einzelpersonen.
  • Einzelpersonen unterliegen bereits in einem früheren Stadium des Aufgabenverlaufs Fehlern.
  • Bei falschen Lösungen taucht der Fehler im Denkprozess bei Gruppen später auf.
  • Die Lösung von komplexen Problemen lässt sich besser in Gruppen und Teams erledigen, während die theoretische Erarbeitung zur Problemlösung am Besten durch Einzelpersonen geschieht.

Fazit

Bei der Lösung von Problemen in einem komplexen Umfeld ist die Arbeit in Teams oder Gruppen empfehlenswert, da die Leistungsvorteile überwiegen. Die Gefahr von „Sozialer Faulheit“ besteht zwar grundsätzlich, kann aber durch die Interaktion innerhalb der Gruppe durch Zugehörigkeitsgefühl, Wissensaustausch und einigem mehr einfach vermieden werden.

Wenn eine Arbeitsgruppe uneingeschränkt Kontrolle über alle interne und externe Ressourcen hätte, ließe sich der Gruppenerfolg vollständig auf das Leistungsverhalten der einzelnen Mitglieder zurückführen. In der Praxis ist das aber kaum zu finden, im Gegenteil. Die Kontrollierbarkeit situationaler Beschränkungen sowie individuelle Handlungsspielräume sind selten ausreichend. Deshalb sollte bei der Bewertung von Gruppenleistungen davon ausgegangen werden, dass Zusammenhänge zwischen Leistung bzw. Leistungspotenzialen und Gruppenerfolg von bestimmten Variablen beeinflusst (bzw. moderiert) werden. Das sollte in der Bewertung von Gruppenleistungen berücksichtigt werden. Die entsprechende Grundhaltung gegenüber Menschen gilt also auch für ganze Teams.

Auch in einem komplexen Umfeld ist nicht immer alles komplex. Auch hier wird es Aufgaben geben, bei denen sich die Arbeit in Teams nicht anbietet. So könnte es zum Beispiel bei der Fertigstellung von Dokumenten oder dem Refinement von Userstories sinnvoll sein, dass die Aufgaben eher von Einzelpersonen betrachtet, vorbereitet oder bearbeitet werden, weil hier die Einzelleistung die Leistungsfähigkeit eines Teams übersteigt. Oder was meint Ihr?

Mehr Beiträge zu weiteren Nebenwirkungen von Teams findest du hier.

(Das Bild ist von Pranavian – vielen Dank!)

Über die Autorin:

Melanie Schließmann hat berufsbegleitend Wirtschaftspsychologie mit den Schwerpunkten Führungspsychologie und Sozialpsychologie studiert. Sie arbeitet bei der Pentasys AG als Sales Manager und kennt die Bedürfnisse bei der Suche nach IT Experten von vielen Seiten.

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