Ist das agile Manifest noch zeitgemäß?

Eine immer wieder zitierte Grundlage für das Arbeiten in agilem Kontext ist das Agile Manifest. Am 12.02.2011 wurde es veröffentlicht und bildete mehr und mehr die Grundlage für ein anderes Verständnis von Softwareentwicklung. Aber ist das agile Manifest noch zeitgemäß?

Die bekanntesten der 17 ersten Unterzeichner und Begründer des Manifests sind neben Kent Beck (Erfinder von Extreme Programming) die Scrum Erfindern Ken Schwaber und Jeff Sutherland und der Wiki-Erfinder Ward Cunningham. Buchautoren wie Martin Fowler, Andrew Hunt und David Thomas oder der Treiber der Software-Craftmanship-Bewegung Robert C. Martin waren auch von Beginn an im Boot. All diese Personen kommen aus der Softwareentwicklung. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass sich auch das Manifest auf die Softwareentwicklung bezieht.

Laut einer Studie von GPM Gesellschaft für Projektmanagement e.V. in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Koblenz nutzen 85% der Befragten agile Methoden vollständig, selektiv oder in einem Hybrid Modell. In der gleichen Studie wird deutlich, dass mittlerweile 25% der Befragten agile Methoden in einem Bereich außerhalb der IT anwenden.

Bei meinen Aufgaben in der Organisationsentwicklung habe ich einen Workshop für Führungskräfte in einer Linienorganisation entwickelt. Darin beziehe ich mich auch auf das agile Manifest, das aber startet mit „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln…“ Da habe ich mich gefragt, ob sich das agile Manifest in seiner Urform und Art der Formulierung auch auf andere Bereiche anwenden lässt und bin zu dem Schluss gekommen: Inhaltlich ja, aber dafür es umformuliert werden.

Bei meinen Recherchen zu dem Thema bin ich auf einen Blog-Beitrag von Lucas Olczyk gestoßen, der sich ähnliche Gedanken gemacht und damit eine wichtige Grundlage für diesen Beitrag geliefert hat.

Ist das agile Manifest noch zeitgemäß?

Die hinter dem agilen Manifest stehende Haltung, ausgedrückt in Werten und Prinzipien, ist auch für Bereiche außerhalb der Softwareentwicklung relevant und mindestens so aktuell wie damals. Dabei gibt es Formulierungen, die heute nicht mehr passen. „Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln…“ entspricht einem universelleren Einsatz des Manifests nicht mehr. Es geht nicht um die Softwareentwicklung, es geht nicht um die Software! Es geht um das Generieren von Werten für Menschen. Menschen interessieren sich nicht für die Software, sondern für eine Lösung, die ihre Bedürfnisse befriedigt. Menschen brauchen beispielsweise kein Smartphone – das Leben hat Jahrhunderte auch ohne funktioniert. Sie haben heute aber das Bedürfnis, sich über das Internet auch mobil zu vernetzen. Vor wenigen Jahren erfüllte das ein Notebook, jetzt ist es das Smartphone. Wird sich das Bedürfnis in Zukuft ändern oder wird es ganz andere Möglichkeiten für die Vernetzung geben?

Wenn man weiter durch die Wertepaare des Manifests geht, bleibt man unweigerlich an „Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation“ hängen. Da es um die Lieferung von Kundennutzen und nicht um das Entwickeln von Software geht, da es um Lösungen und nicht um Produkte geht, muss auch dieser Satz überarbeitet werden. Menschen brauchen keine Software und keine Dokumentation, sondern nur das, was sie erreichen wollen! Brauche ich einen Löffel um Suppe zu essen, oder reicht es aus einer Suppentasse zu trinken?

 

Das agile Manifest ist jetzt mehr als 16 Jahre alt. Vor 16 Jahren hat sich die Welt noch etwas langsamer gedreht. (Zur Erinnerung: Das erste iPhone kam Anfang 2007 auf den Markt, davor war mobiles Internet kein integraler Bestandteil des alltäglichen Lebens.) Ständige Veränderung ist eine sichere Konstante geworden. Reicht also „Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans“ aus? Oder müssen wir nicht die Veränderung selbst einleiten, auslösen? Einfach nur zu reagieren ist in der heutigen Zeit zu passiv und führt irgendwohin, aber nicht unbedingt dahin, wo man selbst hin möchte.

 

Das überarbeitete agile Manifest

Das neue agile Manifest

Wir erschließen bessere Wege, Kundennutzen zu liefern,
indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.
Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
Nahtlos integrierter Service mehr als umfassende Dokumentation
Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
Veränderungen anstoßen mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden,
schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.

The New Agile Manifesto

We are uncovering better ways of delivering
value by doing it and helping others do it.
Through this work we have come to value:

Individuals and interactions over processes and tools
Seamless service over comprehensive documentation
Customer collaboration over contract negotiation
Inducing change over following a plan

That is, while there is value in the items on
the right, we value the items on the left more.

(Lucas Olczyk)

Das wirklich Gute an diesem neuen agilen Manifest ist, dass ich mir kaum ein Geschäft vorstellen kann, keine Industrie oder Fachbereich, in dem die so formulierten Werte keine Gültigkeit haben.

Die überarbeiteten 12 Prinzipien

Unsere höchste Priorität ist es,
die Bedürfnisse des Kunden durch frühe und kontinuierliche Lieferung
von Lösungen zufrieden zu stellen.

Verändere Anforderungen selbst spät
in der Lösungsentwicklung. Agile Prozesse nutzen Veränderungen
zum Wettbewerbsvorteil des Kunden.

Liefere nahtlos integrierten Service
regelmäßig innerhalb weniger Wochen oder Monate und
bevorzuge dabei die kürzere Zeitspanne.

Fachexperten und Lösungsentwickler
müssen während des Projektes
täglich zusammenarbeiten.

Organisiere Aufgaben rund um motivierte Individuen.
Gib ihnen das Umfeld und die Unterstützung, die sie benötigen
und vertraue darauf, dass sie die Aufgabe erledigen.

Die effizienteste und effektivste Methode, Informationen
zu übermitteln, ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Genutzte Lösungen ist das
wichtigste Fortschrittsmaß.

Agile Prozesse fördern nachhaltiges Arbeiten.
Die Auftraggeber, Lösungsentwickler und Benutzer sollten ein
gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.

Ständiges Augenmerk auf Exzellenz fördert Agilität.

Einfachheit – die Kunst, die Menge nicht
getaner Arbeit zu maximieren – ist essenziell.

Die besten Ideen und Lösungen
entstehen durch selbstorganisierte Teams.

In regelmäßigen Abständen reflektiert das Team,
wie es effektiver werden kann und passt sein
Verhalten entsprechend an.

(Vielen Dank an Lucas Olczyk, der mir mit seinen Gedanken und seinem Blogbeitrag geholfen hat, meinen Beitrag schnell formulieren zu können.)

 

Gleicher Meinung? Anderer Meinung? Ergänzende Ideen vielleicht auch zu den Formulierungen? Ich freue mich über weiteren Austausch zu dem Thema!

5 Comments

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  1. Hallo Daniel

    Über viele Umwege bin ich zu userem Treffen in Wiesbaden gekommen.
    Jef Steas, Scrum, Niels Pfläging, Lars VOllmer haben mir eine andere Betrachtungsweise gezeigt, Lösungen für Herausforderungen zu finden,
    welche für mich zum Teil bisher nicht erreichbar waren.
    Wie bei den meisten Lösungen welche man findet, ist mir bei Scrum das
    ursprüngliche Manifest zu sehr auf eine Richtung ausgelegt und bietet gedanklich kaum Spielraum es anderweitig zu nutzen.
    Deine Anpassung der 12 Prinzipien sprechen mir als Dienstleister aus dem Herzen, denn ein großer Teil davon sind eh schon Grundlage meines Handelns.
    Oft genug löst das Starren auf ein geschriebenes Wort oder das Gespräch mit dem Gegenüber um den geistigen Knoten zulösen und fragt sich anschliessend warum man nicht früher darauf gekommen ist. 😉
    Vielen Dank also für deine Knotenlöser 😉

    Viele Grüße
    Matthias

  2. Lieber Daniel,

    > Am 12.02.2011 wurde es veröffentlicht
    2001 😉

    Ja, das Agile Manifest muss im (Erfahrungs-) Kontext der 1980er und auslaufenden 1990er Jahre gesehen werden. Für heute und morgen bedarf es einer Anpassung – inspect & adapt 😉

    Allerdings ist es schon „zu seiner Zeit“ und die kurze Periode danach nie konsequent gelebt worden. Immer wenn es weh tat, wurde eher der Schmerz symptomatisch beseitigt, als intensiv an die Ursachen zu gehen. Selbiges bei Scrum et.al.

    Wir haben in der Vergangenheit das Manifest immer mal wieder „weiterentwickelt“. In verschiedenen Kontexten. Dabei haben wir „Software“ z.B. zunächst durch „Produkte“, später „Resultate“ o.a. ersetzt und Einleitung, Werte sowie die Prinzipien sinngemäß angepasst.

    „Kundennutzen“ ist eine ebenso passende Fortentwicklung. Passt.

    Dennoch, interessant ist es, wie die Meta-Ebene des Manifest’s auch heute noch Gültigkeit hat und Maßstab ist (bzw. sein kann/sollte). Mit den notwendigen Anpassungen für Kontext und Zeit.

    Sonnige Grüße

    CU
    Boeffi

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar. Das sehe ich ganz genau so. Interessant und irgendwie auch schade ist es, dass die Arbeit heutzutage oft immer noch nicht so ist, wie sie das Manifest beschreibt. Auf der anderen Seite sind wir in vielen Bereichen sicherlich in den letzten 16 Jahren deutlich weiter gekommen, als eben noch zu der Zeit, als das Manifest entstand.

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