Homeoffice

Mehr Home als Office – zurück zur Professionalität

Langsam macht sich ein seltsames Gefühl breit. Und damit einher geht ein Thema, mit dem ich mir vermutlich nicht viele Freunde machen werde. Auslöser ist das jetzt sehr viel üblicher gewordene Homeoffice und was ich in dem Zusammenhang wahrnehme.

Wenn man ein Thema ohne große vorherige Analyse oder ohne Bezug zu irgendwelchen Studien oder anderen wissenschaftlichen Grundlagen aus dem Bauch formuliert, dann ist es vor allem Meinung. Der folgende Beitrag ist also meine aktuelle Meinung, oder meine Wahrnehmung. Und vor diese meine Meinung setze ich gerne direkt den Hinweis: Nein, es geht hier nicht um alle Menschen. Und du selbst bist vermutlich einer dieser anderen Menschen und im Folgenden nicht gemeint. 

Wenn es funktioniert

Menschen tendieren in weiten Teilen dazu, sich im Status Quo wohler zu fühlen, als sich mit Neuem zu beschäftigen. Der Status Quo ist bekannt und das Bewegen in bekannten Gefilden ist energieeffizienter, wird also vom Gehirn bevorzugt. Dummerweise sind Rahmenbedingungen nicht immer stabil und ändern sich.

Das global gesehen sicher jüngste prominente Beispiel war der Weg für viele Menschen ins Homeoffice ausgelöst durch die Corona-Pandemie. Was vorher kaum für möglich gehalten wurde und immer mit hohem Aufwand verbunden war, war plötzlich kein Thema mehr: Die Organisation von Zusammenarbeit komplett virtuell. Gerne erinnere ich mich an Diskussionen um das sechste Prinzip des agilen Manifests, nachdem die effizienteste und effektivste Methode der Informationsvermittlung im Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist. Und ich erinnere mich an Überlegungen, wie man Menschen gewinnen kann für Veränderung und mehr Flexibilität in Formen auch virtueller Zusammenarbeit. Vor Corona war virtuelles Arbeiten eine Seltenheit und regelmäßige Treffen zu gemeinsamen Terminen waren Pflicht. Ich habe es nicht anders gesehen und gefordert. 

Begeistert bin ich, wenn Dinge funktionieren. Es ist mir entsprechend wichtig Dinge so zu gestalten, dass sie möglichst gut gelingen. Das gilt insbesondere für mein Herzthema, die Zusammenarbeit von Menschen vor allem im Kontext Arbeit. In Zusammenarbeit ganz generell lassen sich zwischen Menschen, Teams, Einheiten und Unternehmen Parallelen ziehen. Da gibt es Ideen aus der Systemtheorie und auch aus der Psychologie zu Strukturen, Wirkmechanismen und Prozesse von Zusammenarbeit. Im Detail ist das dann alles hochgradig selbstorganisiert, individuell und nicht vergleichbar. Was in einem Kontext funktioniert, klappt in einem anderen gar nicht. So ist das beispielsweise auch mit Homeoffice. Abgesehen von technischen Möglichkeiten funktioniert Zusammenarbeit an manchen Stellen sehr gut, an anderen nicht ideal und in manchen Arbeitskontexten ist Arbeit von zu Hause überhaupt nicht möglich. Das war so, hat sich jetzt verschoben, ist aber generell immer noch so. Warum auch sollte es sich in dem Zusammenhang bei virtueller Zusammenarbeit anders verhalten als bei anderen Formen der Arbeitsgestaltung? Es sind und bleiben Menschen, die Zusammenarbeit gemeinsam explizit oder implizit gestalten mit mehr oder weniger Erfolg.

Selbstkritische Betrachtung

Das Homeoffice bringt viele Vorteile. Menschen, die dieses Privileg haben, können ihre Arbeit meist sehr frei gestalten und haben viele Möglichkeiten, Arbeit mit anderen Verpflichtungen und Aufgaben beispielsweise aus dem Privatleben, zu verbinden. Zumindest was die eigenen Aufgaben angeht, die man ohne Kolleg:innen erledigen kann. Ich nutze das selbst und bin froh, diese Möglichkeiten zu haben.

An vielen Tagen denke ich, dass ich mein Leben anders gar nicht mehr organisieren könnte. Und das ist der Moment, der mich selbst stutzen lässt: Wieso habe ich jetzt das Gefühl, dass etwas gar nicht mehr möglich ist, was vor gerade mal drei bis vier Jahren noch eine Selbstverständlichkeit war? Was nicht nur eine Selbstverständlichkeit war, sondern was wir damals noch als einzig guten Weg der Zusammenarbeit sahen? Hat sich denn meine Situation so sehr grundlegend geändert? Klar. Hat sie. Vier Jahre später halt. Meine Kids sind zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen herangewachsen und brauchen viel weniger Betreuung als damals. Aber warte mal, müsste damit nicht alles viel einfacher sein? Warum glaube ich dann, nicht mehr wirklich regelmäßig vor Ort arbeiten zu können? In mir regt sich immer mehr dieser alte Gedanke: War da nicht mal die Erkenntnis, dass sich Zusammenarbeit besser gestalten lässt, wenn man gemeinsam vor Ort in einem Raum arbeitet? Und dann versuche ich zusammen zu bringen: Was ist jetzt anders, was ist jetzt besser und was war vor vier Jahren besser?

Wisst ihr noch damals, als man nach Hause ins Homeoffice gegangen ist, um endlich mal in Ruhe arbeiten zu können? Heute gehen wir ins Office, um diesen ungestörten Zustand wieder zu erreichen und von den Ablenkungen zu Hause zu fliehen. Es scheint also der Ort viel weniger entscheidend zu sein für die Frage der guten Arbeitsumgebung. Offensichtlich macht eine punktuelle Veränderung oder Besonderheit eines explizit für bestimmte Situationen oder Aufgaben gewählten Arbeitsplatzes eher den Unterschied.

Selbstkritisch muss ich also nach mehr als drei Jahren im Homeoffice feststellen, dass ich selbst entschieden habe, mein Leben so zu organisieren, wie ich es gerade organisiere und in dieser meiner selbstgewählten Struktur ist es schwer, wieder ganze Tage vor Ort im Büro einzurichten. Ich muss das auch nicht unbedingt, aber vielleicht sollte ich. Zumindest manchmal. Im Sinne einer besseren Zusammenarbeit, und auch im Sinne meiner persönlichen Gesundheit, der es sehr zuträglich ist, wenn ich mit weniger Ablenkungen als im Homeoffice konfrontiert bin. Wissen kann ich es erst, wenn ich es versuche. Das mache ich gerade, mir wieder Räume schaffen, in denen ganze Office-Tage wertvoll gestaltet möglich werden. Und es ist schwieriger und aufwändiger, braucht mehr Vorlauf und Planung, als gedacht.

Zu meiner Verantwortung gehört auch, auf meine Gesundheit zu achten. Ich habe viele Möglichkeiten, mein Arbeitsumfeld zu gestalten, und mit dieser Möglichkeit wird die Gestaltung auch Teil meiner Aufgaben. Das war schon immer so und so ist es weiterhin. Das Homeoffice verändert den Möglichkeitsraum und bietet sehr viel Freiraum, das Leben neben der Arbeit einfacher zu organisieren. Es ist ein Privileg vor allem in Office-Berufen, die häufig – beispielsweise in der IT – sogar noch besser bezahlt werden, als Berufe von Menschen, deren Aufgaben eine flexible Arbeit von zu Hause nicht ermöglichen. Ich habe also nicht nur die Möglichkeit, sondern das Privileg, mit einer viel höheren Freiheit meine Arbeit zu organisieren. Bei meiner Arbeit bin ich allerdings nicht alleine. Viele der Aufgaben erledigen wir in Teams. Mit der hohen Freiheit und Verantwortung für die Berücksichtigung der eigenen Gesundheit dürfen wir in unserer individuellen Gestaltung unseres Alltags neben den eigenen Bedürfnisse auch die der Kolleg:innen nicht vergessen. 

Wo ist jetzt das Problem?

Bis hierhin werden mir vermutlich die Meisten zustimmen. Jetzt kommt der unangenehmere Teil. Denn was ich erlebe – selbstkritisch aber auch wenn ich generell in Organisationen schaue – sind zwei Dinge: 

  1. Dauerhaftes Homeoffice ist nicht immer nur gesund. Menschen kämpfen mehr mit Unklarheiten, fehlender Abgrenzung auch zwischen Privat und Arbeit, steigenden Aufwänden für Kommunikation, schlechteren Arbeitsumgebungen mit mehr Ablenkung und sicher einigen weiteren Auswirkungen.
  2. Der individuellen Freiheit, die Vereinbarung von Arbeit und Privatleben gut zu gestalten, wird maßgeblich mit Blick auf das eigene Privatleben Rechnung getragen.

Anders gesagt: Es wird stärker um das Privatleben herum gestaltet, für das Privatleben selbst optimiert und dabei wird die hierdurch entstehende zusätzliche Belastung für jeden Menschen selbst nicht weiter berücksichtigt oder noch mehr Freiheit und Verständnis bei der Arbeitgeberin gefordert. Das geschieht zudem ungeachtet des Umstands, dass das Privatleben durch die Erwerbstätigkeit in der Form, also mit dem Gehalt in der Freiheit der Arbeitsgestaltung, überhaupt erst möglich wird. Wir rechtfertigen das vor uns selbst und den Kolleg:innen damit, dass es uns so besser gehe, wir jetzt viel flexibler verfügbar und damit auch leistungsfähiger seien. Aber Hand aufs Herz: Ist das wirklich so? Geht es uns viel besser und sind wir dadurch leistungsfähiger? Die Optimierung des individuellen Privatlebens, das durch permanentes Homeoffice gar nicht mehr klar und einfach von Arbeit zu trennen ist, geht meinem Eindruck nach mehr und mehr zulasten von Gesundheit und auch der Erwerbstätigkeit selbst. Denn die vermeintlich dauernde Verfügbarkeit für Kolleg:innen, Beziehungspartner, Kinder, Lieferdienste, Handwerker, Ärzte und mehr erhöht den Stress.

Was ich erlebe ist eine daraus resultierende zunehmende Selbstverständlichkeit, mit der der Fokus weg von hoher Leistung und guter Zusammenarbeit hin zu Lösungen von An- und Herausforderungen im Privatleben gelegt wird. Die Konsequenz sind häufige Ablenkungen oder kurzfristige Veränderungen. Während man früher einen Tag frei genommen hat, um Handwerker zu Hause beaufsichtigen zu können, man bei kranken Kindern „kindkrank“ zu Hause geblieben ist oder auf Netzwerke zur Unterstützung zurück gegriffen hat, man sich vielleicht keine betreuungsintensiven Tiere zugelegt und dem Hobby auch nur außerhalb der Arbeitszeit nachgegangen ist (um ein paar Beispiele zu nennen), wird hier alles parallelisiert (wer hat nicht schon während eines Termins die Spülmaschine oder Waschmaschine ein- oder ausgeräumt) und irgendwie hingebogen – zum einen oft zu Lasten der Arbeit, der Zusammenarbeit und vor allem auch zu Lasten der persönlichen Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Aufgefangen wird das vom Arbeitgeber und den Kolleg:innen, mit denen zusammengearbeitet wird, oder dann halt mal eben spontan nicht. Während früher Menschen nur entscheiden mussten, zu welchem der Termine sie in ihren Stunden im Büro vor Ort gehen mussten, gesellen sich zu dieser deutlich gestiegenen Anzahl an Arbeitsterminen nun noch die privaten Themen.

Im Rahmen der vermeintlichen Optimierung der Vereinbarkeit aus Privatleben und Beruf erlebe ich gerade durch das Homeoffice eine Verschiebung des Fokus auf das Optimieren des Privatlebens. Ein Privatleben, das man sich in den letzten drei Jahren erst mühsam umgestalten musste und jetzt so umgestaltet hat, dass eine andere Vereinbarung aus Arbeit und Privat nicht mehr möglich wird. Das Problem, das ich wahrnehme: Hier steigt gerade der Gesamtdruck auf alle, auf einen selbst, die Familie, die Kolleg:innen und das System, in dem man unterwegs ist. Und das wird als selbstverständlich an- und hingenommen. Was mir immer mehr fehlt, teilweise auch bei mir selbst, ist ein höheres Maß an Professionalität, mit den höheren Freiheiten wirklich gut und gesund im Sinne des gesamten Systems inklusive der eigenen Gesundheit und der Arbeitsaufgaben umzugehen. Mein Eindruck: Wir überfordern uns allesamt immer mehr und übernehmen dabei immer weniger Verantwortung, unser Arbeitsumfeld für uns und unsere Umgebung im Rahmen unserer eigenen Möglichkeiten so zu verändern, dass es gesund und auch für die Arbeit förderlich ist.

Nun sehe ich das vielleicht kritischer als manche andere, oder sehe hier größere Risiken für die Menschen aufgrund meines eigenen Blickwinkels als alleinerziehender Vater und in einem Job mit Verantwortung für rund 100 Mitarbeitende auf uns zukommen. Natürlich weiß ich auch, dass man nicht unbedingt von sich auf andere schließen kann. Man kann die Zeichen natürlich auch anders deuten, man kann manche Sachen weniger kritisch sehen und auch die vielen Vorteile dagegen halten – und Vorteile gibt es zweifelsohne. Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die ein generelles „zurück ins Office“ propagieren, schon gar nicht aus theoretischen Kontrollzwecken. Ich glaube nicht, dass Menschen generell im Büro mehr arbeiten – ich glaube sogar das Gegenteil, so paradox das klingen mag. Aber zu der wahrgenommenen Überforderung gehört auch der Eindruck, dass eben überall jetzt ganz viel und damit zu viel gemacht wird. Und insgesamt vermisse ich eine kritischere Auseinandersetzung mit der Situation, bei der eigene Ansprüche an persönliche Leistung(sfähigkeit) und langfristige Gesundheit einen höheren Stellenwert in der Betrachtung bekommen, als der Erhalt des recht neu erarbeiteten und mittlerweile lieb gewonnenen Status Quo der Privatlebenorganisation. Früher war es motivierend, mal einen Vormittag aus einem Café heraus zu arbeiten, flexibel Termine zu verschieben für ein privates Thema oder man hat mal – weil es nicht anders ging – während des Wegs zu einem Termin parallel telefoniert. Heute verkommen diese Momente zur wenig begeisternder häufiger Notwendigkeit, um überhaupt alles noch hinzubekommen. Termine vom Handy mittags auf dem Weg zum Arzt, die halbe Stunde Jour Fixe während man ein Kind im Kinderwagen spazieren fährt und wenn man nur zuhören muss, kann man ja auch dabei einkaufen. Technisch möglich ist das alles, aber ist es wirklich gut?

Meine Herausforderung und Kritik

Die aktuelle Situation erlebe ich als große Herausforderung. Sowohl für mich persönlich in der Gestaltung meiner ganz eigenen Situation, als auch in meiner Führungsverantwortung. Denn gerade als Führungsverantwortlicher gibt es für mich zwei Blickwinkel: Zum einen meine Fürsorgepflicht für die Menschen bei gleichzeitiger Überzeugung, dass Menschen ein hohes Maß an Eigenverantwortung auch im Kontext ihrer Arbeit(sgestaltung) haben sollten. Zum anderen aus der Rolle des Vertreters der Arbeitgeberin, die eine hohe Leistung im Rahmen des Arbeitsvertrags erwarten kann und muss. Wenn ich in mein Netzwerk schaue, dann nehme ich neben mir noch viele weitere Menschen in Führungsverantwortung wahr, die auch noch keinen guten Weg für sich, das System das sie gestalten können und müssen und damit auch für ihre Mitarbeitenden gefunden haben. 

Was für mich zu einem erwachsenen und professionellen Arbeitsumfeld mit hoher Freiheit und Eigenverantwortung aller Mitarbeitenden gehört ist die Möglichkeit, auch dieses Thema losgelöst von Auswirkungen auf einzelne Personen zu diskutieren als Grundlage für klare Entscheidungen. Ich erlebe große Zurückhaltung und bin auch selbst zurückhaltend im Wissen, dass möglicherweise notwendige Veränderungen eher als Einschränkungen und weniger als unterstützender neuer Rahmen wahrgenommen werden. Große Zustimmung ist nicht zu erwarten, da mögliche Veränderungen hier für alle Betroffenen einschließlich mir selbst auch Auswirkungen auf die persönlichen Lebensbereiche haben würden. Also versucht man nicht durch die Veränderung von Rahmenbedingungen eine Verhaltensänderung von Mitarbeitenden zu erreichen, sondern hält sich mit anstupsen, mit Überlegungen zu Gimmicks oder gar Benefits und dem Verweis auf „Selbstorganisation“ (genau die findet gerade statt) oder Autonomie und Eigenverantwortung auf. Auf diese Überlegungen und Maßnahmen zur Motivation „doch mal wieder ins Office zu kommen“ verwenden wir aus meiner Sicht viel zu viel Zeit, da sie höchstwahrscheinlich größtenteils wirkungslos verpuffen werden. Und immer wieder frage ich mich: Wie machen das eigentlich all die Lokführer:innen, Sicherheitspersonal, Kassierer:innen, Friseur:innen, Polizist:innen, Bäcker:innen oder die Müllabfuhr? Wie organisieren die sich mit häufig weniger Geld und ohne die Möglichkeit, zwischen zwei Termine eben noch den Gang zur Apotheke zu quetschen? Ein generelles „ganze Tage im Office gehen nicht“ kann ich da ganz Allgemein nicht gelten lassen.

Mir ist wichtig zu unterstreichen, dass es mir bei meinen Überlegungen nicht um Kontrolle der Arbeitsergebnisse geht. Ich arbeite in der IT, da ist schnell zu sehen, ob Ergebnisse entstanden sind und ich unterstelle jedem Menschen die Bereitschaft und das Interesse, sich für gute Ergebnissen einsetzen zu wollen. Es ist sogar eher das Gegenteil. In der vermeintlichen Optimierung der individuellen Arbeitssituation um das Privatleben herum entsteht sowohl im Aushandeln von Zeit zwischen Privat und Arbeit und in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen Mehrbelastung bis hin zu Überforderungen.

Der Verweis auf die individuelle Optimierung, auf Mehrarbeit weil Wegzeiten zu Arbeitszeiten werden, weil der Wechsel zwischen den Terminen nur ein Mausklick entfernt ist, weil man ja auch während eines Meetings Mittags-Pause machen kann und weil man statt früher nur 4 Meetings heute 12 am Tag unter bekommt, ist genau so legitim wie gefährlich. Wir arbeiten vielleicht gar nicht besser (zusammen). Wir arbeiten einfach alle mehr. Die effizienzgetriebene Optimierung dabei dient vor allem dem Zweck, die wachsenden privaten Anforderungen parallel zur Arbeit auch noch abdecken zu können. Ziel der individuellen Gestaltung ist also nicht eine wirkliche Verbesserung, sondern der Versuch immer mehr unter zu bekommen. Dabei wissen wir längst: Mehr ist nicht automatisch besser. Und dieser Kessel der Gesamtanforderungen auf jeden Einzelnen ist bei manchen längst übergekocht und droht mehr und mehr überzukochen.

Wenn die Wahrnehmung ist, dass 100% Homeoffice, und die damit immer stärkere Verschmelzung von Privatleben und Arbeit, negative gesundheitliche Auswirkungen und negative Auswirkungen auf die Leistung von Menschen und Teams hat, muss der Rahmen neu gestaltet werden, bestenfalls mit Beteiligung Betroffener. Im Interesse der Menschen und ihrer Gesundheit. Da sich viele Menschen anders eingerichtet und als Multitasker auf die vermeintliche Parallelisierbarkeit von Arbeit und Privatleben ausgerichtet haben, würde das einen großen Eingriff in die Autonomie der Menschen bedeuten und wird auf wenig Gegenliebe stoßen. Appelle an Eigenverantwortung sind aber in der Regel wirkungslos, so lange sie nicht die individuelle Überzeugung der Menschen treffen. Irgendwelche Maßnahmen aus der Organisation zur Steigerung der Motivation werden auch wenig bringen, schnell verpuffen und Beteiligte immer mehr nerven, weil sich Menschen nur selbst motivieren können und Veränderung ohne individuell gespürten Veränderungsdruck wenig attraktiv erscheint. Und auch hier frage ich mich: Müssen wir wirklich mit Goodies wedeln, damit Menschen eine professionelle Arbeitshaltung mitbringen, indem sie sich für eine gute Zusammenarbeit in einem gesunden Arbeitsumfeld in der Arbeitszeit mehr interessieren, als für das optimierte Privatleben? Ist das dann überhaupt noch eine professionelle Arbeitshaltung?

In meiner Führungsverantwortung kann und will ich zumindest nicht auf individuell gespürten Veränderungsdruck warten, der sich vermutlich erst zeigt, wenn Menschen selbst persönlich Schaden nehmen bis hin zu sich ausprägenden Depressionen oder anderen negativen Auswirkungen.

Um den Bogen zum Anfang zu spannen

Jeder Mensch ist in seiner Anstellung dafür verantwortlich, gesund zu bleiben und bestmöglich Leistung zu erbringen. Viele Menschen wollen das auch und engagieren sich entsprechend. Dafür werden sie bezahlt – bei uns in der IT noch dazu gar nicht schlecht. Und der Anspruch gute Leistung bringen zu wollen ist aus meiner Sicht ein Zeichen von professioneller Arbeitshaltung. Dazu gehört aber auch zu erkennen, wenn die eigene hohe Leistung nicht mehr erbracht werden kann um dann aus der Erkenntnis Konsequenzen zu ziehen. Das kann bedeuten alles dafür zu tun, um wieder hohe Leistung zu erbringen oder andere eigene Schritte zu wählen, um sich zu entlasten. Diese Freiheit haben wir, und damit kommt die Verantwortung, das auch zu tun. Nicht nur für die private Situation, sondern auch im Kontext der Anstellung in einem Unternehmen für die jeweiligen Kolleg:innen und letztendlich auch die Arbeitgeberin.

Es ist Aufgabe von Organisationen, ein möglichst motivierendes Arbeitsumfeld zu gestalten. Das bedeutet in der Regel, möglichst viele Dinge abzuschaffen, die demotivieren. Zum Beispiel wenn möglich eine generelle Anwesenheitspflicht. Auch daraus ist die Möglichkeit zu vielen Tagen Homeoffice entstanden. Für die Motivation vieler Kreativarbeitenden sind großer Freiraum und eine hohe Gestaltungsmöglichkeit wichtige Grundlage. Die steigenden Anforderungen und drohende Überforderung von Menschen in Teams durch die Verschmelzung aus Privat und Arbeit im selbst gewählten Homeoffice bringt allerdings oft eine Fragmetierung in ständig wechselnde Microaufgaben mit sich. Das als Dauerzustand ist belastend und damit wieder wenig förderlich für Motivation.

Die Frage war lange, ob und in welcher Form Homeoffice möglich und sinnvoll ist. Mittlerweile muss die Frage anders herum gestellt werden, ob und in welcher Form Arbeit gemeinsam im Büro sinnvoller und damit wieder notwendig wird. Wenn sich Organisationen nicht auf das Gestalten der Rahmenbedingungen konzentrieren, sondern sich nur damit beschäftigen, wie sie ihre Organisationsmitglieder durch Benefits und sonstige Entgegenkommen motiviert halten, wird sich wenig ändern. Wenn Organisationsmitglieder bei immer mehr individuellen Freiheiten zur vermeintlichen Vereinbarkeit von Privatleben und Arbeit im Homeoffice die daraus resultierenden Herausforderungen für Zusammenarbeit in Teams aus dem Blick verlieren, läuft etwas gehörig schief. Homeoffice ist ein Privileg um in einem viel größeren Spielraum Zusammenarbeit grenzenloser zu gestalten und Mitarbeitenden mehr Möglichkeiten zu bieten, ihren Alltag dabei gut zu bewältigen. Die Grundvoraussetzung bleibt, dabei den Anspruch an professionelle Arbeit und damit auch an gute Zusammenarbeit nicht zu verlieren. Dazu gehört auch immer wieder, selbst Abstriche der hohen Freiheit zu akzeptieren und daraus Herausforderungen im Privatleben in Kauf zu nehmen und auch dort zu lösen, statt es immer mehr zum Problem der Kolleg:innen im Kontext gemeinsamer Arbeit zu machen.

Eine Lösung habe ich aktuell noch nicht. Weder für mich, noch für die Systeme, für die ich mich verantwortlich fühle und in denen ich selbst arbeite. Ich habe das Gefühl, dass etwas passieren sollte, natürlich möglichst individuell passend und möglichst schnell. In meiner Rolle habe ich eine besondere Verantwortung, Rahmen zu gestalten. Dieser Verantwortung für gute Zusammenarbeit und die Gesundheit der Menschen möchte ich bestmöglich gerecht werden. Und das kann auch bedeuten, Veränderung (gemeinsam) zu erzeugen die ich nach Gesprächen mit Betroffenen, nach reiflichen Überlegungen oder auch intuitiv für richtig halte. Es kann auch bedeuten in der Selbstführung für mich und in meiner Verantwortung für andere in eine Richtung zu lenken, durch die wieder neu gestaltet wird. Und das kann bedeuten, dass auf die eine oder andere Art und Weise mit einem lieb gewonnenen Status Quo gebrochen werden muss.

(Das Bild ist von Achim – vielen Dank!)

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