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Sicherheit in stetiger Veränderung

In der heutigen Geschäftswelt ist nichts mehr sicher. Ehemalige Weltmarktführer und große Konzerne werden durch internationale Konkurrenz und plötzlich entstehende neue Geschäftsmodelle in Bedrängnis gebracht. Eins der prominentesten Beispiele ist sicher Nokia, die 1998-2011 Weltmarktführer für Mobiltelefone waren. Den Wechsel auf Smartphones hat das Unternehmen verpasst, dann bereits 2013 die Mobilfunksparte selbst aufgegeben und komplett an Microsoft verkauft.

Neue Produkte und (teilweise gänzlich neue digitale) Geschäftsmodelle aus der ganzen Welt verändern heute auch lokale Märkte. Deren Entstehen und Verschwinden ist kaum vorhersehbar.

Die heutige Marktsituation

Das größte Taxiunternehmen der Welt hat keine eigenen Autos (Uber). Der größte Vermittler von Ferienwohnungen hat keine eigenen Immobilien (AirBnB). Der letzte in Deutschland erfolgreiche Anbieter von Bus-Fernreisen besitzt nur einen einzigen Bus (Flixbus). Erfolgreiches Geschäft funktioniert heute häufig völlig anders als noch vor wenigen Jahren und ist dazu deutlich schnelllebiger. Noch dazu ist immer weniger abzusehen, was Menschen in naher und ferner Zukunft brauchen oder wollen. 

Erschreckend für alte Konzerne ist dabei nicht immer nur das wegbrechende Geschäft, sondern die Geschwindigkeit der Veränderung, mit der sie sich auseinandersetzen müssen. Früher war Größe eines Unternehmens eine gewisse Garantie für Stabilität. Diese Garantie nimmt ab, wie das Beispiel Nokia eindrücklich zeigt.

Ein aktuelles Beispiel, wie manche Weltkonzerne damit umgehen: Bei Samsung, dem aktuell größten Smartphonehersteller der Welt (im ersten Quartal 2019 mit 23,1 Prozent Marktanteil), geht man davon aus, dass es in fünf Jahren keinen Markt mehr für Smartphones geben wird.

„Die vergangenen 10 Jahren war es die Ära des Handys. Von diesem Jahr an beginnt mit dem Aufkommen des Internet der Dinge, 5G, KI und all diesen Technologien, die sich miteinander verbinden, womöglich einen neue Ära. (…) Wir dürfen nicht an Handys denken, sondern mehr an smarte Geräte.“ (Quelle)

Samsung-CEO DJ Koh

Reaktion von Unternehmen

Einer komplexen Umgebung kann man nur mit Komplexität begegnen. Unternehmen müssen sich entsprechend aufstellen. Schnelle Entscheidungen und hohe Reaktionsfähigkeit sind wichtig: Auf stetige Veränderung im Markt muss auch stetige Veränderung in der Organisation folgen können. Dezentralisierte, unabhängige und eigenverantwortliche in sich lieferfähige Geschäftseinheiten mit hoher Innovationskraft bieten die nötige Flexibilität als Antwort auf Komplexität. Sie können vorausschauend agieren und zeitnah reagieren.

Die Annahme, dass sich das neue System moderner Organisationen völlig instabil stetig verändert, ist falsch. Systeme streben immer nach Stabilität. Eine Transformation ist der Übergang von einem stabilen System über eine Phase der Unsicherheit zu einem neuen stabilen System. Da stellt sich die spannende Frage für Organisationen, wie ein stabiles neues System nach der Transformation aussehen kann, das stetige Veränderung zulässt. 

Um diesen Zustand zu erreichen, starten viele Unternehmen das als agile Transformation getarnte nächste Optimierungsprogramm der bestehenden Organisation. Sie glauben, dass die Einführung agiler Arbeitsmethoden und die Verbesserung einiger Strukturen eine agile Organisation ausmachen, mit der sie wettbewerbsfähig bleiben. Wer aber glaubt, dass man mit einer agilen Transformation (automatisch) zu einer (agilen) wettbewerbsfähigen Organisation kommt, der hält auch die Digitalisierung der Geschäftsmodelle nach dem Aufbau eines E-Shops für abgeschlossen.

Die Veränderung kann nicht interner Selbstoptimierung bestehender Prozesse und Strukturen folgen, sondern muss von außen nach innen betrachtet werden. Da sich Menschen immer schlau verhalten in dem System, in dem sie sich bewegen, muss es um mehr gehen, als um eine Optimierung bestehender Prozesse und Strukturen. Es geht um andere Formen von Arbeit und Zusammenarbeit.

Herausforderung für Menschen

Bei all dem stetigen Wandel bleibt eines der großen Bedürfnisse vieler Menschen: psychologische Sicherheit. Wie kann es Unternehmen gelingen, in einem unsicheren Markt zu bestehen, auf Marktanforderungen ständig zu reagieren und neue unsichere kreative Ideen am Markt zu verproben, unternehmerisch tätig zu sein, mit Chancen und teilweise schwer abschätzbaren Risiken und seinen Mitarbeitenden trotzdem Sicherheit zu bieten?

Menschen sind nicht unsicher

Häufig wird in Zusammenhang mit Menschen der Begriff „Unsicherheit“ verwendet, obwohl eigentlich „Verunsicherung“ richtig wäre. Verunsicherung beschreibt das Gefühl eines Menschen, während Unsicherheit einen Zustand (oder die Wahrnehmung eines Zustands durch Menschen) beschreibt. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Verunsicherung bei Menschen völlig unterschiedlich ausfallen kann bei gleicher stabiler oder unsicherer Ausgangssituation. Erinnern wir uns an die Schulzeit. Wie viele Schülerinnen und Schüler waren unterschiedlich verunsichert völlig unabhängig von individuellem Wissen und Können. Wie viele Schülerinnen und Schüler hatten wenige Probleme, sich am Unterricht mit Beiträgen zu beteiligen und wie viele waren verunsichert, vor der ganzen Klasse zu sprechen?

Der unsichere Markt verunsichert manche Menschen, andere wiederum gar nicht. Dabei bleibt der Markt für Menschen gleich unsicher, weil es für alle unmöglich ist, Entwicklungen vorher zu sehen durch die vielen unüberschaubaren Abhängigkeiten und Einflüsse. Für manche Menschen ist dieses Umfeld eher eine positive Herausforderung, andere sind verunsichert.

Umgang mit Verunsicherung

Unabhängig vom Thema, das Verunsicherung bei Menschen auslöst, wird jeder das Gefühl kennen. Und wahrscheinlich wird jeder etwas unternommen haben, sich der Verunsicherung nicht mehr auszusetzen oder sie zu bewältigen. Sich der Unsicherheit der Märkte im Arbeitsleben nicht auszusetzen, ist keine wirkliche Option mehr. Drei andere Maßnahmen sind:

  1. Menschen stellen sich der Verunsicherung. So geht ein Schauspieler auf die Bühne, ein Redner tritt vor das Publikum, ein Führerscheinneuling setzt sich hinter das Steuer. Die Verunsicherung wird von mal zu mal geringer werden. Warum?
  2. Sie lernen bei jeder Situation die Umstände und sich selbst besser kennen. Und auch vor und nach den Auftritten bauen die Menschen Wissen und Erfahrung auf, lernen und üben.
  3. Lernen und üben sind ein wichtiger Bestandteil in der Vorbereitung. Diese und weitere Maßnahmen zur Vorbereitung sind ein weiterer Schritt, durch den sich Menschen in für sie unsicheren Situationen sicherer fühlen.

Damit Menschen heute und zukünftig ein eigenes Gefühl der Sicherheit entwickeln können ist es wichtig, sie als Erwachsene zu behandeln und sie sich mit der Realität konfrontieren zu lassen. Es ist ebenso wichtig, dass die Organisation Raum bietet, in dem Menschen eigenständig und in Teams lernen und sich vorbereiten können. Das bedeutet Zeit für Wissens- und Erfahrungsaufbau, Zeit für lernen und üben, damit Menschen nicht mehr verunsichert sind durch eine unsichere Umgebung.

Stabilität trotz stetiger Veränderung

Systemen, die stabil sind und gleichzeitig stetige Veränderung aushalten oder sogar begrüßen können sind resilient und brauchen dafür einen Wechsel der Form der Zusammenarbeit. Der Wechsel ist grundlegend und tiefgreifend. Starre Strukturen führen zu starren Organisationen, die zu träge sind, um Antworten auf ihr komplexes Marktumfeld zu bieten. 

Bis heute haben diese festen Strukturen, klare übergreifende Regeln und Prozesse, Mitarbeitenden in Unternehmen Stabilität und ein Gefühl von Sicherheit gegeben. An die Stelle müssen netzwerkähnliche dezentrale Kommunikations- und Entscheidungswege rücken, die klar genug sind, um keine Verunsicherung zu erzeugen, die dennoch mit möglichst wenig starren Strukturen, Regeln und Prozessen auskommen.

Es gibt keine Blaupausen für diese neuen Organisationsstrukturen. Es gibt weder Angst vor noch Widerstand gegen selbst gewählte und gestaltete Veränderung. Es gibt durchaus Widerstand von Menschen, wenn ihr Umfeld ohne ihr Zutun verändert wird und die Veränderung aus ihrer Sicht nicht schlau ist. Und es gibt Verunsicherung, wenn Menschen nicht Zeit und Raum zum Lernen bekommen und sich nicht vorbereiten können. 

Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit

Ein grundlegender Paradigmenwechsel im Verständnis der Zusammenarbeit muss her. Strukturelle Änderungen in Organisationen müssen diese Paradigmenwechsel ermöglichen, fordern und fördern. Neue Organisationen müssen Menschen eine Umgebung geben, in der Lernen und Vorbereitung möglich wird. In stetige Veränderungen müssen Menschen einbezogen werden. Die Zusammenarbeit muss auf Kollaboration und Großzügigkeit basieren.

Von Abholen zu Einbeziehen

Menschen müssen in die Gestaltung der Transformation und der Zukunft, die auch ihre Zukunft ist, einbezogen werden. Menschen, die einbezogen werden, kommen automatisch mit. Sie müssen weder abgeholt noch mitgenommen werden. So gibt es auch keinen Widerstand gegen die punktuelle oder stetige Veränderung.

Es geht nicht mehr darum, Menschen zu „entlasten“, indem die Gestaltung der Organisation – ihrer Arbeitsumgebung – von ihnen fern gehalten wird, damit sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren können. Es geht darum, sie als Erwachsene zu behandeln und ihnen den Freiraum zu geben, sich freiwillig zu beteiligen an der Gestaltung, wie sie am Besten Wert schaffen. Das beinhaltet auch, eigene Entscheidungen zu treffen und für die daraus resultierenden Konsequenzen Verantwortung zu übernehmen. Das ist Teil der zukünftigen Aufgaben jedes Mitarbeiters. Dabei spielt das Entwickeln und Einigen auf Prinzipien der Zusammenarbeit ebenso wie das definieren von klaren Regeln und Prozessen eine große Rolle.

Von Wettbewerb zu Kooperation

Wettbewerb zwischen Produkten und Services ist an einem freien Markt normal und kann wertvoll sein, um zu besten Preis-Leistungs-Verhältnissen zu kommen. Aktuell besteht aber auch in der Zusammenarbeit zwischen Organisationen, Bereichen, Abteilungen, Teams und Menschen meist ein hohes Maß an Konkurrenz und einen großen (internen) Wettbewerb. Ständig wird (Mensch) gemessen – die eigene Leistung und die der Anderen und das Verhältnis der Leistungen untereinander. Wenig gute Ergebnisse werden verkraftet, wenn andere noch weniger gute Ergebnisse liefern.

Die Orientierung am „besser sein als der jeweilige Vergleich“, statt am generierten Wert oder Nutzen, hat keine Zukunft. Denn „der Beste“ sein geht in einer komplexen Umgebung nur mit anderen zusammen. Höchstleistung ist nur kooperativ zu erreichen. Für Spitzenleistung brauchen wir eine Zusammenarbeit nicht nur miteinander, sondern füreinander.

Von Nehmen zu Geben

Der Weg von einer Zusammenarbeit miteinander zu einer Zusammenarbeit füreinander führt von einer Ich-Bezogenheit hin zu einem Wir mit echter Kooperation. Es kann und darf nicht mehr maßgeblich darum gehen, wie man mit der eigenen Arbeit im Unternehmen den persönlichen Nutzen maximiert. Viel wichtiger ist die Frage, was man großzügig geben kann für ein gemeinsames Ziel, ohne direkt eine Gegenleistung zu erwarten.

Wenn sich jeder Gedanken darüber macht, was der eigene Beitrag ist, der für andere Menschen einen Nutzen hat, wird auch jeder etwas Nutzbringendes bekommen. So lange der Blickwinkel nur ist, was man selbst bekommt, wird jeder versuchen zu behalten, was er hat und jeder wird auch nur das behalten können, was er schon hat.

Sicherheit durch andere Zusammenarbeit

Ziel für Organisationen muss es sein, eine Umgebung zu schaffen, in der Menschen selbständig und in Teams lernen und üben können, auch wie sie mit Unsicherheit umgehen können. Sie müssen sich vorbereiten können. Organisationen müssen vorbereitet sein. Und es gilt eine neue Form der Zusammenarbeit zu etablieren.

Der Paradigmenwechsel von Abholen zu Einbeziehung, von Wettbewerb zu Kooperation und von Geben zu Nehmen auf Basis von Prinzipien, statt von Regeln und Prozessen, verändert die Zusammenarbeit in einer Weise, dass ein sicheres Umfeld im Miteinander entsteht. Wenn Menschen sich in ihrer Organisation mit hohem gegenseitigen Zutrauen auf diesen Umgang prinzipiell verlassen können und Zeit für Lernen, üben und Vorbereitung haben, braucht es weder in Stein gemeißelte Strukturen, noch überbordende Prozesse und Regeln für Sicherheit in stetiger Veränderung. Menschen finden Wege im Umgang mit ihrer eigenen Verunsicherung für ihren sicheren Umgang mit der Unsicherheit der Gegenwart.

(Das Bild ist von Jocelyn Erskine-Kellie – vielen Dank!)

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