Covid-19

Covid-19: Was wir lernen dürfen

Das Zusammenleben der Menschen auf der Erde ist komplex. Das war es schon vor der Covid-19 Ausnahmesituation. Nur, so scheint mir, fällt uns das flächendeckender erst jetzt wirklich auf. Oder wir akzeptieren jetzt durch die Coronavirus-Pandemie breiter in der Gesellschaft, dass wir in einer komplexen Welt leben.

Nach meinem persönlichen Beitrag zum Jahreswechsel hier wieder ein paar eher persönliche Gedanken in Zeiten der Covid-19 Krise. Geschrieben aus dem Bauch heraus in einer Zeit, in der deutsche Politiker noch versuchen, durch möglichst viele Appelle an die Vernunft der Menschen auf immer umfassendere Einschränkungen des öffentlichen Lebens verzichten zu können.

Corona-Virus: TV-Ansprache von Kanzlerin Angela Merkel (18.03.2020)

Wir wissen es nicht

Ein wesentliches Merkmal von Komplexität ist, dass wir nicht in Gänze wissen, was passieren wird. Wir können das nicht überblicken und müssen mit Überraschungen rechnen. Unvorhergesehenes wird passieren. Alleine mit dem Ausbruch der Pandemie ist etwas Unvorhergesehenes passiert, das weltweit große Auswirkungen auf Gesellschaften haben wird.

Wir wissen nicht genau, wie die Menschen in Deutschland reagieren, wir können es nur annehmen. Viele Mediziner, Virologen, Soziologen oder Psychologen haben fundierte (oft unterschiedliche) Meinungen. Als Fachexperten wissen sie mehr und es ist wichtig ihnen zuzuhören. Auch wenn auch sie nicht genau wissen, was sich wie entwickeln wird. Hätte man gewusst, dass Appelle nicht ausreichen, hätte man wahrscheinlich früher anders reagiert. Vielleicht auch nicht. Naja, und die „Man wusste ja vorher, dass das nichts bringt“ Menschen, bringen uns eben auch nicht weiter.

Virologen haben eine gute Ahnung, wie sich der Virus verbreitet. Mediziner haben erste Ideen, welche Medikamente helfen könnten, Psychologen, was das mit Menschen macht und Forscher finden erste Ansätze für Impfstoffe. Alle arbeiten mit Hochdruck an Lösungen. Und all das geht heute schneller als früher, weil die Vernetzung nach vergangenen Erfahrungen besser ist und Viren dieser Art nicht gänzlich neu sind. Den medizinischen Fortschritt können wir dennoch nicht genau abschätzen. Wie lange müssen Studien laufen, um ausreichend validierte Ergebnisse zu liefern? Werden wir schnell ein Medikament finden, das schwer Erkrankten hilft? Wie lange wird es mit einem Impfstoff dauern?

Wir selbst wissen auch nicht genau, was die Pandemie für uns persönlich bedeutet. Auch hier können wir nur mutmaßen, welche Auswirkungen das alles auf uns und unsere direktes Umfeld haben wird.

Das ist aber noch nicht alles. Es sollte auch mal gesagt werden, dass das Covid-19 aktuell zwar alle anderen Themen überdeckt, völlig berechtigt eine große Aufmerksamkeit bekommt, dass es aber weiterhin längst nicht die einzige Herausforderung ist, der wir uns in unseren Gesellschaften stellen müssen. Und jede jetzt getroffene Maßnahme hat Auswirkungen, die wir auch nicht völlig absehen können.

Eine starke Ausgangsbeschränkung hilft – das ist nahezu sicher – gegen die schnelle Verbreitung des Virus. Dabei ist das nur ein indirektes Ziel. Es geht ja eigentlich darum, die Sterberate niedrig zu halten, indem wir die Verbreitung verlangsamen, die Kurve strecken, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Was aber haben solch drastische Maßnahmen für Auswirkungen? Brauchen wir nicht auch eine Grundimmunität und damit eine möglichst breite Ansteckung? Bekommen wir es durch beschränkte Ausgangsmöglichkeiten vermehrt mit häuslicher Gewalt zu tun? Nimmt die Anzahl an Scheidungen zu? Und was macht die Vernunftpanik sonst mit unserer Gesellschaft? Was bedeutet eine mögliche soziale Isolation für Menschen? Wie viele Menschen sterben durch Herzinfarkte, leiden danach vielleicht an Depressionen.

Was bedeutet es für uns, wenn wir den körperlichen Kontakt reduzieren, wenn Kinder nicht mehr mit Kindern auf Spielplätzen spielen? Wie entwickelt und erholt sich die Wirtschaft von den aktuellen Einschränkungen, durch die viele Angst haben, pleite zu gehen. Werden geplante Wirtschaftshilfen kommen und ausreichen oder kommt gar wieder Schwung in die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen?

Was sind also die kurz- und längerfristigen politischen, sozialen, psychologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen wenn man bedenkt, dass die Sars-CoV-2 Pandemie ein großes Problem, aber lange nicht unsere einzige Herausforderung ist und dass alle drastischen Entscheidungen jetzt ungeahnte Auswirkungen und Veränderungen bringen wird? Wir wissen es nicht.

Es ist ganz einfach: es ist komplex

Ich bin weder Virologe noch Psychologe noch Ökonom noch Mediziner noch Forscher oder Politiker. All die Experten, die nach den besten Wegen suchen und in der schwierigen Lage sind, Entscheidungen treffen zu müssen, treffen sie nach bestem Wissen und Gewissen. Und sie wissen auch nicht mit Bestimmtheit, ob das die besten Entscheidungen sind. Keiner weiß das. Wir haben alle nur mehr oder weniger fundierte Meinungen. Und das ist okay. Hinterher wissen wir es, oder haben zumindest eine bessere Ahnung und unsere vielleicht geänderten Meinungen.

Ist die Situation jetzt komplexer geworden? Nein, es ist nur das passiert, was in Komplexität passiert. Es passiert etwas, mit dem wir nicht gerechnet haben. Damit will ich den Ernst der Lage nicht klein reden. Es ist wichtig zu handeln. Jeder von uns muss in seinem Kontext für sich und für die Mitmenschen Verantwortung übernehmen. Das sind wir uns und der Gemeinschaft schuldig. Aber komplexer geworden, das ist es nicht. Uns wird nur jetzt viel deutlicher als bisher, was es bedeutet, dass wir mit Überraschungen rechnen müssen. Und wir bekommen vielleicht eine bessere Ahnung, wie wir uns resilient aufstellen können für eine solche oder eine andere Krise.

All das Gerede darüber, was wir hätten tun können, damit wir jetzt in diesem Moment besser dastünden, bringt uns nicht weiter. Das gleicht der Suche nach Schuldigen und schiebt die Verantwortung, die jeder von uns hat, von uns weg zu irgendwem, der vermeintlich falsche Entscheidungen getroffen hat.

Wir stehen da, wo wir stehen, weil Entscheidungen getroffen wurden, die getroffen wurden und weil Überraschungen passiert sind, die Dinge verändert haben. Das gilt für jeden von uns und auch für die ganze Gesellschaft. Dabei sollten wir nicht aus den Augen verlieren – bei aller Tragik, die jeder einzelne Tod mit sich bringt, und bei allen individuellen Problemen, die völlig berechtigt Angst machen und Menschen in vielleicht kaum zu bewältigende und lebensverändernde Situationen bringen – dass wir trotz allem individuellen Leid eines der besten Gesundheitssysteme der Welt in Deutschland haben, dass wir eine der reichsten Nationen der Welt sind, dass wir ein in Summe gutes Sozialsystem in einer Demokratie haben. Damit sind wir grundsätzlich bereits gut aufgestellt und ein bisschen vorbereitet, um Ausnahmesituationen zu überstehen. Und wir dürfen diese gute Situation nutzen, um den Menschen zu helfen, die noch größere Schwierigkeiten haben – das gilt im Kleinen wie im Großen.

Was wir lernen dürfen

Es gibt keine einfache Lösung, keinen einzig richtigen Weg. Auch eine rigorose Einschränkung der Kontakte zwischen Menschen sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Entscheidungen haben Konsequenzen. Wir wissen nicht, was insgesamt auf der Welt, oder in Europa oder in Deutschland, in unserem Bundesland oder unserer Stadt passieren wird. Wir wissen auch nicht, was in unserem direkten Umfeld passieren wird. Und wir wissen nicht mit Bestimmtheit, ob unsere Entscheidungen oder die der Politiker richtig sind, wann Ergebnisse aus Studien da sind, wann ein Medikament und wann ein Impfstoff gefunden werden und wie es ganz konkret weiter geht. Was ich dabei interessant finde? Wir wussten all das auch vorher nicht wirklich, haben uns nur stärker der Illusion hingegeben, wir wüssten es. Und diese Seifenblase ist jetzt geplatzt.

Ich kann und will keine Ratschläge geben zum Umgang mit der Sars-CoV-2 Pandemie und der Krankheit Covid-19. Zum Umgang mit Komplexität verweise ich gerne auf den viel schlaueren Peter Kruse. Und so bleibt mir nur, einen persönlichen Beitrag zu schreiben darüber, was ich glaube, was wir lernen dürfen, was mich selbst weiter bringt und was ich für mich und uns hoffe.

  • Wir dürfen lernen, wie wir individuell mit Überraschungen umgehen und was uns in diesem Umgang hilft. Wir werden das lernen. Und dieses Gelernte wird uns in der Zukunft weiter helfen.
  • Wir dürfen lernen, wie wichtig Zusammenhalt ist. Wie groß der individuelle Beitrag jedes Einzelnen für die Gesellschaft ist. Wie abhängig wir Menschen voneinander sind und was jeder von uns braucht, um zufrieden zu sein.
  • Wir dürfen lernen, dass wir letztendlich nicht alles überblicken können und trotzdem mehr handlungsfähig als ausgeliefert sind. Dass individuelle Entscheidungen im Kleinen wichtig sind und dabei immer auch Auswirkungen auf das „große Ganze“ haben.
  • Wir dürfen lernen, demütig zu sein, vom hohen Ross steigen, auf das wir Menschen uns immer wieder setzen. Als hätten wir uneingeschränkt Macht und Kontrolle über alles, was passiert.

Was wir hoffentlich gelernt haben werden

Wenn wir in einigen Wochen (oder vielleicht erst in einigen Monaten oder Jahren) auf uns persönlich und auf unsere Gesellschaft blicken, dann haben wir uns durch die Covid-19 Krise verändert und hoffentlich ein paar Dinge gelernt.

  • Demut
    Demut bedeutet, Dinge als gegeben hinzunehmen. Wir können nicht alles vorhersehen und planen und auch nicht vollständig beeinflussen. Auch wenn beispielsweise Autoren wie Hans Rosling (‪Factfulness: Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist) bereits 2018 unter anderem eine Pandemie als reale Gefahr für die Menschheit gesehen haben, hat niemand die aktuelle Situation vorhersehen können. Dadurch konnte sie auch niemand verhindern. Und so werden andere Probleme, Krisen und Herausforderungen im Kleinen und im Großen auf uns Menschen warten, mit denen wir nicht gerechnet haben werden. Wir können dies Herausforderungen nicht vollständig mit Planung lösen, aber wir können uns vorbereiten – im Kleinen und im Großen.
  • Füreinander
    In Krisen wird es immer Menschen geben, die aus unterschiedlichen Gründen größere Probleme mit der Situation haben als andere. Aktuell sind es weltweit ältere Menschen (mit und ohne Vorerkrankungen). Es werden wahrscheinlich nie alle gleichermaßen betroffen sein. Und in solchen Situationen hilft ein enger Zusammenhalt, ein füreinander Dasein, die Bereitschaft der weniger Betroffenen Menschen, Rücksicht auf stärker Betroffene zu nehmen und sie zu unterstützen. Es geht darum, aufmerksam für sich und andere zu sein. Zusammenhalt im Kleinen wie im Großen ist wichtig. Ich habe die Hoffnung, dass das in der Krise verstärkte „Füreinander Dasein“ in Zukunft weiter stark bleibt.
  • Sozialstaat
    Wir erleben bereits jetzt, und wir werden es vermutlich auch in den nahen und längeren Folgen dieser Corona-Krise erleben: Ein guter Sozialstaat als logische politische Konsequenz auf den Anspruch, dass Menschen füreinander da sind, ist alternativlos. Hier wird sich zeigen, wie gut Deutschland und andere Länder bereits aufgestellt sind. Und es wird sich zeigen, welche Länder nachgebessert haben, von denen man es aktuell kaum erwartet hätte, und wie viel sie sich davon in der Zeit nach der Krise erhalten. Ich habe die Hoffnung, dass sich ein Verständnis für die Notwendigkeit eines guten Sozialstaates weiter verbreitet und Menschen in allen Ländern immer besser werden leben können.
  • Verantwortung
    Wir stellen fest, dass jeder Verantwortung übernehmen muss – für sich selbst, aber auch für andere Menschen, für die Gemeinschaft. Ohne wird es nicht mehr gehen. Wenn alle Entscheidungen direkt und indirekt Einfluss nehmen auf uns und unser Umfeld, dann werden individuelle, verantwortungsbewusste Entscheidungen wichtig. Zur individuellen Übernahme von Verantwortung gehört auch, freundlich, aufmerksam, vorsichtig und achtsam mit sich und den Mitmenschen umzugehen und Schwächeren zu helfen. Ich hoffe, dass die Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen für sich und andere zunimmt, um in einer wirklich eigenverantwortlichen und selbstorganisierten Gesellschaft mit einer gewissen Demut füreinander da sein zu können.

Was mich weiter bringt

Was in meinem direkten Umfeld passieren wird, das weiß ich nicht. Das kann ich nicht abschätzen. Wird jemand positiv getestet oder nicht? Wird vielleicht ein Nachbar, ein Freund oder eine Freundin, ein Familienmitglied, ein geliebter Mensch krank? Was bedeutet die aktuelle Situation mit dem HomeSchooling und reduzierten Kontakten für meine Kinder kurz- aber auch mittel- und langfristig. Was kann ich machen, damit sie daraus etwas Positives für sich ziehen können und was könnte das dann sein?

Auch als Nicht-Experte habe ich eine Meinung, die mich und mein Handeln leitet. Ich probiere gerade aus und beobachte, was mich in dieser herausfordernden Situation weiter bringt. In meinem eigenen kleinen Umfeld, auf das ich Einfluss habe mit gleichzeitiger Verantwortungsübernahme für mein Handeln mit all den möglichen Einflüsse auf die Menschen um mich herum.

  • Ich versuche, positiv zu bleiben, Chancen zu sehen und für andere Menschen da zu sein, die mehr Hilfe brauchen als ich und denen ich helfen kann. Hier suche ich nach kreativen Wegen für diese Hilfe.
  • Ich gehe verständnisvoll auf Mitmenschen zu und versuche Verhalten, das ich nicht verstehe, besser zu verstehen, statt darüber zu urteilen.
  • Ich gehe mehr in (virtuellen) Kontakt zu Freunden und Familie, versuche auf sie und mich acht zu geben.
  • Ich lerne, dass ich mich noch besser strukturieren muss, um meinen eigenen Erwartungen an mich gerechter werden zu können.

Bei all dem lerne ich mich selbst besser kennen und erkenne nach und nach meine eigenen Potenziale in dieser Ausnahmesituation, welche Stärken ich habe und wie sie mir helfen.

Da mir unweigerlich vor Augen geführt wird, dass Entscheidungen, die gestern getroffen wurden, morgen schon wieder anders ausfallen können oder neu getroffen werden müssen, versuche ich, nicht zu planen, suche keine grundlegenden Lösungen, sondern löse die konkreten Probleme in dem Moment, wenn ich sie vor der Brust habe. Und ich versuche darauf vorbereitet zu sein, indem ich aufmerksam bin für mich, die Menschen um mich herum und meine Umgebung und dabei dafür sorge, handlungsfähig zu sein und zu bleiben – was auch immer das genau bedeutet.

Übrigens – Hinweise zu den Namen rund um Corona

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat der neuartigen durch den Corona-Virus ausgelösten Krankheit die Bezeichnung „Covid-19“ gegeben. Das Virus selbst heißt Sars-CoV-2.

So bekommt die Krankheit ihren Namen:

  • „Co“ steht für Corona
  • „vi“ für Virus
  • „d“ für Disease (übersetzt: Krankheit)
  • „19“ für 2019 (Jahr des ersten Auftretens)

(Das Bild ist von sergio santos / Nursing Schools Near Me – vielen Dank!)

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