Diskussion

Keine Diskussion!

Wer mich kennt, der weiß, dass ich gerne diskutiere. Ich komme aus einer Familie – väterlicherseits – die insgesamt sehr gerne diskutiert. Das habe ich gelernt, ich fühle mich dabei sicher und entsprechend wohl. Ob gezielt oder ungeplant – an meine Kinder habe ich das auch weiter gegeben. Jetzt habe ich also drei Kinder, die mit ihren kindlichen und jugendlichen Jahren bereits gerne diskutieren – und zwar ständig und bei allem.

Auf der einen Seite macht mich das stolz: sie sind nicht auf den Mund gefallen und setzen sich mit Argumenten für ihre Interessen ein. Auf der anderen Seite macht es mich wahnsinnig, weil eben alles diskutiert wird, was nicht auf Anhieb ganz im jeweiligen Interesse ist. Und dabei kam mir ein Gedanke: Ist das denn so sinnvoll?

Augenhöhe?

Es ist eine Frage von Umgang auf Augenhöhe, dass man die Wünsche und Argumente unabhängig vom Alter anhört und berücksichtigt. Allerdings ist das Vater-Kind-Verhältnis keins, für das Augenhöhe eine richtige Beschreibung wäre. Der dänische Familientherapeut und Author vieler Bücher Jesper Juul beschreibt Eltern in (mindestens) einem seiner Bücher als Leitwölfe, die eine liebevolle Führung in der Familie übernehmen müssen. Als Vater habe ich nicht nur mehr Verantwortung und mehr Entscheidungsmacht. Ich habe auch mehr Erfahrung und eine Fürsorgspflicht. Für eine gute Entwicklung der Kinder bin ich mehr verantwortlich, als der beste Freund der eigenen Kinder zu sein. Dazu gehört auf der einen Seite, ihnen Freiraum zu geben um die eigenen Potenziale auszubauen, ihre Neugierde zu fördern, aber auch sie zu schützen und ihnen einen Entfaltungsrahmen zur Verfügung zu stellen.

Irgendwann habe ich festgestellt, dass die Diskussionen aus verschiedenen Gründen wenig fruchtbar waren: Es ging und geht den Kids häufig nicht darum, den eigenen Horizont durch eine Diskussion zu erweitern und von Erfahrungen anderer, zum Beispiel von mir, zu profitieren. Es geht vielmehr darum, den eigenen Wunsch argumentativ zu untermauern, andere mit den eigenen Argumenten zu überzeugen, um damit zu bekommen, was man sich selbst wünscht. Diskussionsfähig zu sein ist gut, alles zu diskutieren aber nicht. Denn bei unterschiedlichen Wünschen ist „überzeugen“ nicht der richtige Weg.

Keine Diskussion mit den eigenen Kids?

Als ich mein Diskussions-Verhalten angefangen habe, in manchen Situationen sehr deutlich zu ändern, waren die obigen Punkte nicht der Kern meiner Überlegungen – auch wenn sie sicher eine gewisse Rolle gespielt haben. Viel einfacher und wichtiger war: ich hatte weder die Zeit noch die Nerven, das durch älter werdende Kids sich verändernde und intensivierende Diskussionsverhalten meiner Kids auszuhalten. Mittlerweile lasse ich mich viel weniger auf Diskussionen ein und weiß häufig vor einem Gespräch mit einem oder mehreren meiner Kinder, ob (m)ein Thema ein Vorschlag oder eine Entscheidung ist. Wenn es ein Vorschlag ist, dann können wir das diskutieren, wenn es eine Entscheidung ist, lasse ich mich nicht mehr auf Diskussionen dazu ein. Und seitdem können wir Zeit anders einsetzen und haben weniger Frust-Momente, weil die Entscheidungsspielräume zu Beginn der Kommunikation klar sind.

Keine Diskussion! Auch im Arbeitsleben!

Auch im Arbeitsleben verlieren wir viel zu viel Zeit und Nerven in unnötigen Diskussionen. Viele Meetings werden lang oder bekommen Folgemeetings, weil man sich in endlosen Wortgefechten basierend auf unterschiedlichen Meinungen verliert, die wenigen Menschen Spaß machen und bei denen es bei vielen kontroversen Meinungen letztendlich meistens fast nur Verlierer gibt – entweder durch faule Kompromisse oder weil am Ende doch eine Person ihren Kopf durchsetzt, auch ohne ander Menschen für die eigene Idee vollends gewonnen zu haben.

Laut Duden ist eine Diskussion ein „[lebhaftes, wissenschaftliches] Gespräch über ein bestimmtes Thema, Problem“ – also eine Form von Kommunikation.

Das Problem vieler Diskussionen

Lebhaft wird die Diskussion häufig bei unterschiedlichen Meinungen der diskutierenden Menschen, die sich gegenseitig versuchen davon zu überzeugen, dass die jeweils eigene Meinung die richtige ist. Häufig wird hier nur zugehört, um reagieren zu können und viel weniger, um zu verstehen und den eigenen Horizont zu erweitern. In vielen Diskussionen bis hin zu Streitgesprächen geht es den Kontrahenten gar nicht darum, von- und miteinander zu lernen, sondern als „Sieger“ aus der Diskussion hervor zu gehen und die eigene Meinung durchzusetzen.

Diese Form von Kommunikation ist nicht nur nervenaufreibend, sondern ebenso häufig vermeidbar. Allen Beteiligten muss lediglich vorher klar sein, um was es eigentlich geht. Lange Diskussionen haben häufig einen oder mehreren der folgenden Zwecke, die alle im Grunde keine Diskussion brauchen:

  • Es geht darum, zu informieren.
  • Jemand wünscht sich eine Rückmeldung.
  • Es muss eine Entscheidung getroffen werden.
  • Menschen sind interessiert und tauschen sich zu Themen aus.

Bei welchem der obigen Punkte muss diskutiert werden? Wenn überhaupt, dann nur beim letzten Punkt.

Zu einem Thema informieren

Geht es in einer Kommunikation darum, über ein Thema oder einen Sachverhalt zu informieren, gibt es keinen Grund zu diskutieren. Natürlich kann es Nachfragen geben – da es sich aber lediglich um eine Information handelt, ist hier ein lebhaftes Gespräch unnötig und fehl am Platz und niemand muss von der Meinung anderer überzeugt werden. Wird eine Information als solche angekündigt mit dem Hinweis, dass lediglich Verständnisfragen zugelassen sind, finden unnötige Diskussionen nicht mehr statt, ein informativer Austausch ist dennoch möglich.

Rückmeldung geben und bekommen

Möchte jemand Rückmeldung bekommen, dann gibt es erst eine Information zum entsprechenden Thema. Nach dieser Vorstellung kann jeder Gefragt seine Meinung äußern und eine Rückmeldung geben. Auch hier ist ein lebhaftes Gespräch unnötig. Die Runde der Rückmeldungen kann gut moderiert werden. Letztendlich muss vor allem die Person, die um Rückmeldung gebeten hat, die Rückmeldungen verstehen, die völlig divers und nebeneinander stehen bleiben können. Ein gegenseitiges Überzeugen ist nicht notwendig.

Entscheidung treffen

Die hitzigsten Diskussionen finden häufig statt, wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Vor allem, wenn dabei unterschiedliche Interessen der Disktuierenden eine Rolle spielen. Wann, wenn nicht hier, spielt es die größte Rolle, die eigenen Argumente gut aufbereitet zu platzieren, um die eigene Vorstellung möglichst durchzusetzen und gegen die anderen Diskutanten zu gewinnen? Wie wahrscheinlich ist es, dass hierbei die beste Entscheidung getroffen wird? Oder wird hier nicht der redegewandteste oder (in)formell mächtigste Teilnehmer der Diskussion gewinnen? Oder vielleicht die Mehrheitsmeinung, die nicht unbedingt die Beste sein muss?

Auch hier gibt es eine Möglichkeit, ohne nervenaufreibende Diskussionen auszukommen. Es muss lediglich vor dem Austausch definiert werden, wer den höchsten Bedarf oder die höchste Kompetenz oder die größte Qualifikation hat, in dem Thema eine Entscheidung zu treffen. Die Person kann häufig viel schneller ermittelt werden, als sich auf eine Lösung zu einigen. Sie kann zum Thema informieren und sich Rückmeldungen einholen, die sie dann in der eigenen Entscheidung berücksichtigen kann. Dieser konsultative Einzelentscheid verhindert nervenaufreibende Diskussionen und führt schneller zu ausreichend guten Ergebnissen.

Austausch zu einem Thema

Wenn die ersten drei Punkte nicht zutreffen, dann geht es vielleicht wirklich um eine Diskussion, um ein lebhaftes, wissenschaftliches Gespräch zu einem Thema, aus Neugierde, weil man dazulernen, neues entdecken, erfahren, erörtern will. Vielleicht geht es darum, selbst zu trainieren oder einfach darum, Spaß zu haben? Ja, all das kann ein Austausch zu einem Thema sein. Und wenn es das ist, dann bin ich mir sicher, gehört das nicht zu den Diskussionen, die keiner haben will, sondern zu denen, die das Arbeitsleben bereichern.

(Das verwendete Bild ist von Nicolas Alejandro – Vielen Dank!)

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