Dog

Nicht geschimpft ist genug gelobt

Dieses schwäbische Sprichwort wird häufig mit deutschem Führungsverständnis verbunden. In einem gleichnamigen Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Mai 2010 heißt es, „dass nichts motivierender ist als Anerkennung einer Leistung.“ Die Aussage teile ich, habe aber bereits vor zwei Jahren in meinem Blogbeitrag festgestellt, dass Dankbarkeit die bessere Alternative zu Lob oder Komplimenten ist.

Bei Twitter hat jetzt Markus Metz aus einem anderen Artikel der Süddeutschen Zeitung Florian Kutzner zitiert und damit eine inspirierende Diskussion gestartet. In dem Artikel „Wenn ich mein Verhalten ändere, muss mir das möglichst viel bringen“ führt Lilith Volkert ein Interview mit dem Sozialpsychologen Florian Kutzner, der sowohl an der Universität Heidelberg über kognitive Sozialpsychologie forscht und lehrt, als auch Organisationen berät, wie sie nachhaltiges Verhalten fördern können. Hier sagt er unter anderem:

Wer lobt, bewertet was getan wird. Das bringt die Angesprochenen in eine untergeordnete Position.

Florian Kutzner

In dem Austausch auf Twitter stelle ich fest, dass sich meine Sicht auf Lob seit meinem ersten Artikel dazu nicht verändert, sondern weiter verstärkt hat.

Auch der weitere Austausch bei Twitter mit Frank Scheffler bestärkt mich in meiner Sicht und lässt mich auch hier in diesem Artikel unterstreichen, dass auf Lob im Kontext von Arbeit verzichtet werden kann und sollte, weil es unter anderem mit Dankbarkeit bessere, deutlichere und wertvollere Formen von Wertschätzung gibt und Lob als Beurteilung – um es mit Florian Kutzner zu sagen – den „Angesprochenen in eine untergeordnete Position“ bringt.

Bei LinkedIn greift Markus Metz seinen Tweet und die darauf folgenden Äußerungen und unterschiedlichen Meinungen auf. Er stellt sich und seinen Leser*innen weitere Fragen, über die ich gerne nachdenke.

Hier nun Markus Fragen und meine Gedanken dazu.

Wann entsteht Lob ganz genau, schon beim Sender, irgendwo auf dem Weg oder erst beim Empfänger?

Die Intention von Lob ist laut Duden eine „anerkennend geäußerte, positive Beurteilung, die jemand einem anderen, seinem Tun, Verhalten o. Ä. zuteilwerden lässt.“ Es ist eine Beurteilung und die findet beim Sendenden statt. Wie das Lob auf den Empfangenden wirkt, das hängt von vielen Faktoren ab – von der Beziehung und Anerkennung der sendenden Person, vom Thema, der eigenen Verfassung, der eigenen Sicht auf das beurteilte Verhalten, das Selbstbild und vieles mehr. Die Wirkung entsteht also beim Empfangenden. Auch hierhin liegt eine Gefahr für den mit bester Absicht lobenden Menschen. Gut gemeintes Lob kann auch völlig anders ankommen.

Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir direkt Situationen ein, in denen ich mich über Lob trotz bester Absicht nicht gefreut habe, weil direkt der Gedanke in mir hochkam, wo die Person das Recht hernimmt, über mich zu urteilen. Meist gepaart mit meinen Gedanken, dass sie das gar nicht beurteilen kann. In den Situationen hätte Dankbarkeit und die Formulierung, welchen Wert mein Verhalten für die andere Person hatte, ihr Ziel nicht verfehlt.

Ein schönes Beispiel im Rahmen der Diskussion war die Reaktion von (der mir nicht persönlich bekannten) Regina Haas-Hamannt, die mich nicht für meinen Artikel lobt mit einem Satz wie „den Artikel hast du sehr gut geschrieben“, sondern die mir Anerkennung zeigt durch einen formulierten Dank. (Vielen Dank nochmal an dieser Stelle.)

Wie stellen wir sicher, welche Auslegung der/die jeweils andere mit Lob verbindet?

Sicherstellen lässt sich das nicht. Schon deswegen bin ich im Kontext von Arbeit besonders vorsichtig mit Lob. Ein wesentlicher Bestandteil von Lob ist die Beurteilung des Verhaltens (oder anderer Dinge) eines anderen Menschen. Lob wird vermutlich positiv aufgenommen, wenn die empfangende Person der sendenden Person zutraut und das Recht einräumt, sich zu dem entsprechenden Thema ein Urteil erlauben zu können.

Wenn ich darüber nachdenke, in welchen Fällen ich Lob gerne annehme und in welchen ich es ablehne, dann hängt das meist davon ab, wie ich selbst zu meinem Verhalten stehe (bin ich zufrieden damit oder nicht) und ob ich der lobenden Person zutrauen, mein Verhalten beurteilen zu können.

Entsteht im Moment des Lobes wirklich ein neues Über/Unterverhältnis oder wird nur das Bestehende verstärkt und deutlicher sichtbar (wenn man es so sehen will)?

Vermutlich gilt hier beides. Ein bestehendes Über/Unterverhältnis wie beispielsweise bei einer Führungskraft zu einem Mitarbeitenden wird durch Lob unterstrichen. In einem Team von Mitarbeitenden, die formell kein Über/Unterverhältnis haben, entsteht dieses Verhältnis durch Lob zumindest für den Zeitraum des Lobes. Je besser man sich kennt und je klarer bereits die Über/Unterverhältnisse themenbasiert bestehen, kann Lob vermutlich auch wirkungsvoll sein.

Wenn ich darüber nachdenke muss ich sagen, dass ich versuchen möchte, aus den obigen Sätzen möglichst die Bewertung raus zu lassen. Über/Unterverhältnis beschreibt es gut, klingt aber nicht wertfrei. Ich halte es für normal, dass abhängig von Themen, unterschiedlichen Expertisen, Wesensarten und Beziehungen dieses Ungleichgewicht in Beziehungen besteht. Arbeiten auf Augenhöhe bedeutet für mich nicht, dass immer alle auf gleicher Ebene sind, sondern dass sich die unterschiedlichen Verhältnisse ausgleichen.

Ist das Arbeits-Lob ein Relikt aus alten Zeiten, in denen die Meister ganz genau wussten, was sie da genau beurteilten? 

In alten Zeiten waren Machtverhältnisse eindeutiger geklärt und damit war es einfacher sicherzustellen, dass ein Lob seinen Zweck erfüllte. Das gilt sowohl im Bereich der Erziehung, als auch in der Zusammenarbeit. So lange das Über/Unterverhältnis klar ist, kann die Person in der übergeordneten Position die Person in der untergeordneten Person loben und dieses Lob wird wahrscheinlicher positiv auf- und damit angenommen werden – so lange die untergeordnete Person dieses Verhältnis in der Form anerkennt.

Wenn ich darüber nachdenke, dann gibt es Menschen, bei denen ich Lob zu bestimmten Themen annehmen kann – in der Regel sind das Menschen, von denen ich selbst viel halte, die vielleicht in manchen Themen meine Vorbilder sind oder vor denen ich großen Respekt habe. Häufig sind das Menschen, von denen ich beeindruckt bin und deren Meinung mir persönlich wichtig ist. Bei vielen anderen Menschen bedeutet es mir nichts und bei Menschen, denen ich das Recht nicht einräume, mich und mein Verhalten zu beurteilen, wirkt auch positiv gemeintes Lob eher kontraproduktiv.

Wenn Führungskräfte sich nun aus dem fachlichen Tagesgeschäft raus halten sollen, was sollen sie dann ganz genau loben, wenn es für die Mitarbeiter*innen eine wichtige Form von Wertschätzung darstellt.

Wenn sich Führungskräfte aus dem fachlichen Tagesgeschäft raus halten, können sie hier auch nicht mehr loben, weil sie sich kein Urteil erlauben können. Ich selbst versuche in meiner Rolle als Führungskraft, meinen Kolleg*innen in unserer Einheit Anerkennung und Wertschätzung entgegen zu bringen, indem ich mich dankbar zeige. Ich möchte dabei nicht ausschließen, dass ich auch hier und da lobe, aber ich versuche das zu vermeiden. Wenn ich Lob ausspreche, dann formuliere ich, wie beeindruckt ich bin und sage nicht, wie gut jemand etwas gemacht hat.

Wenn ich darüber nachdenke komme ich zu dem Schluss, dass es manche Themen gibt, in denen ich fachlich eine hohe Expertise mitbringe und hier auch als Kollege und auch als Führungskraft um Rat gefragt und um Rückmeldung gebeten werde. Wenn ich Lob ausspreche, dann wahrscheinlich vornehmlich in diesem Kontext – weil ich mir relativ sicher bin, dass mein Wissen und meine Erfahrung mich dazu befähigen, mir ein Urteil zu bilden und davon ausgehe, dass die gelobte Person das auch so sieht. Und da ich hier mit meiner Einschätzung daneben liegen kann, formuliere ich das Lob das als meine persönliche Sicht und nicht als Allgemeingültigkeit. Ich sage sehr selten „das hast du gut gemacht“ und würde eher formulieren „mir hat das gut gefallen“ (und von da ist der Weg zu „mir hat das viel gebracht, weil…“ nicht mehr weit). Dann nehme ich mir nicht das Recht eines allgemein gültigen Urteils heraus, sondern schildere lediglich meine persönliche Sicht auf die Situation.

Sollten Freunde, Bekannte und Kolleg*innen das hier lesen und feststellen, dass mein Selbstbild deutlich von ihrem Bild abweicht, dann freue mich mich sehr über Rückmeldung und einen weiteren Austausch dazu.

Warum erhält das Lob immer so eine prominente Stellung, wenn es um das Thema Wertschätzung geht?

Diese Frage kann und möchte ich nicht beantworten, weil mögliche Antworten schnell wie eine Kritik an Menschen verstanden werden könnte, für die Lob ein probates Mittel ist. Ich kann nur für mich selbst sprechen und da sagen: Bei mir hat seit mindestens zwei Jahren Lob keine prominente Stellung mehr – weil ich mich selbst bei Lob zu oft gefragt habe, wieso die mich lobende Person sich ein Urteil über mich und mein Verhalten bildet und weil ich selbst mehr als einmal mit Lob unbeabsichtigt in große Fettnäpfchen getreten bin.

Insofern möchte ich abschließend Markus loben für seine guten Fragen. Nein, natürlich nicht – ob die Fragen für Menschen wertvoll sind oder nicht, das können sie nur selbst beurteilen. Ich lobe Markus also nicht. Stattdessen möchte ich dir sagen, dass ich dankbar bin für das Zitat bei Twitter, für die anschließenden oben aufgeführten Fragen und den abschließenden Link in deiner letzten Frage zu dem Artikel „Die 6 verschiedenen Sprachen der Wertschätzung“. Hierdurch habe mich mich nochmals intensiver mit dem Thema Lob auseinander gesetzt, konnte meine Sicht weiter bekräftigen und habe zusätzliche neue Impulse zum Thema Wertschätzung gewonnen.

Vielleicht können wir all das als kleinen Versuch sehen. Ich freue mich, wenn du, Markus, mir in den Kommentaren kurz schreibst, wie der obige Satz auf dich gewirkt hat.
Und alle anderen Leser*innen: Ich bin neugierig zu hören, wie ihr das Thema seht. Und vielleicht habt ihr Lust, in den nächsten Tagen mögliches Lob versuchsweise wie hier beschrieben durch Dankbarkeit zu ersetzen und eure Erfahrungen in den Kommentaren oder via Twitter zu teilen.

(Das Bild ist von Gerald Angeles – vielen Dank!)

3 Comments

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  1. Um mit der Frage an mich anzufangen… Ich freue mich über Dein Engagement im Rahmen der Diskussion, über das Aufgreifen des Themas im Rahmen Deines eigenen Blogs, Deine tiefe Auseinandersetzung und über den expliziten Dank.

    Dein Satz „wie ich selbst zu meinem Verhalten stehe (bin ich zufrieden damit oder nicht) und ob ich der lobenden Person zutrauen, mein Verhalten beurteilen zu können.“ führt mich gedanklich zu der Alternativsituation, entweder selbst zufrieden bzw. unzufrieden zu sein. Bei eigener Zufriedenheit hilft ein Lob vielleicht nicht unbedingt so viel weiter, bei der eigenen Unzufriedenheit ist es kontraproduktiv. Wertschätzung beginnt wohl eher mit dem Bemerken, dass jemand etwas geleistet hat und dem mit der Frage verbundenen Interesse, ob der-/diejenige selbst zufrieden ist.

    „Wenn ich darüber nachdenke, dann gibt es Menschen, bei denen ich Lob zu bestimmten Themen annehmen kann – in der Regel sind das Menschen, von denen ich selbst viel halte, die vielleicht in manchen Themen meine Vorbilder sind oder vor denen ich großen Respekt habe.“ Wie reagieren wohl Menschen, wenn man ihnen proforma einen Lob-Passierschein ausstellt oder anders herum eine Lob-Verbots-Karte? 🙂

    Und zum vorläufigen Abschluss noch ein Gedankenexperiment… Denk Dir auf den Button „Gefällt mir“ ein „Das hast Du gut gemacht“. Ändert sich was? Wenn ja, was?

  2. Lob heißt IMMER -ich bin auf dem Weg (gedanklich und fachlich) hin zum Lobenden.
    Damit ist nicht klar, welchen Wert die Tat/ Arbeit, das Ergebnis für mich persönlich hat….
    Lob macht abhängig.
    Punkt.

    1. Vielen Dank für den sehr deutlichen Kommentar. Das hilft mir selbst, meine Sicht auf die Singe noch klarer zu sehen und ich fühle mich bestätigt in meiner Haltung zu dem Thema. 😉

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