Scream

Was du nicht willst, das man dir tut…

In einem bekannten Sprichwort heißt es: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“ Ein guter Grundsatz in der Zusammenarbeit. Vor allem, wenn man etwas genauer hin liest. Denn es geht nicht nur um ein Credo, wie man selbst mit anderen Menschen umgehen sollte. In diesem Beitrag geht es mir mehr um den ersten Teil des Sprichworts.

„Was du nicht willst, das man dir tut“? Genau. Denn viel zu oft gehen wir im Kontakt mit Menschen, auch in der Zusammenarbeit in Unternehmen und Teams, zu wenig rücksichtsvoll mit uns selbst um. Zu oft übergehen wir, wenn Menschen mit uns anders umgehen, als wir uns das wünschen. Und das kann problematisch werden, weil die eigene Zufriedenheit in Mitleidenschaft gezogen wird.

Eigenverantwortlich

Für unser eigenes Wohl sind in erster Linie wir selbst verantwortlich. Wir müssen keine Opfer im Umgang mit uns sein. Wir sind diejenigen, die im Zusammenleben und der Zusammenarbeit entscheiden, wie Andere mit uns umgehen dürfen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir andere Menschen uns so behandeln lassen, wie wir es uns nicht wünschen. Alles was wir tun müssen ist, dafür auf- und einzustehen, was uns wichtig ist.


Warum eigentlich nicht?

Das klingt leichter als es vielleicht manchmal ist. Aber warum eigentlich? Was hält uns davon ab, was hindert uns, was macht es uns schwer? Hier ein paar Ideen:

  • Vielleicht wollen wir nicht, dass andere Menschen uns für empfindlich halten?
  • Oder wir wollen tatsächlich weniger empfindlich sein?
  • Eventuell wollen wir nicht für humorlos gehalten werden?
  • Und haben den Eindruck, überzureagieren?
  • Die Anerkennung des Menschen, der uns nicht unseren Vorstellungen entsprechend behandelt, ist uns wichtig?
  • Und wir wollen keine Schwäche zeigen?
  • Eine harmonische Gesamtsituation liegt uns gerade am Herzen?
  • Dabei fällt uns in dem Moment gar nicht auf, dass uns der Umgang mit uns missfällt?

Im Folgenden drei Bereiche, in denen wir vielleicht stärker für unser eigenes Wohlbefinden einstehen sollten, indem wir uns für einen anderen Umgang mit uns stark machen – für uns selbst und damit auch für die Anderen.

Hilfsbereitschaft

Natürlich bin ich ein großer Freund von großzügiger Hilfsbereitschaft. Menschen um mich herum wissen das und manche nutzen es gerne und intensiv – vor allem meine Kinder. Häufig ist das ein Gewinn für beide Seiten, denn zu helfen gibt auch mir ein gutes Gefühl. Allerdings kann es auch zu viel werden.

Natürlich geht es hierbei nicht um Notsituationen. Es geht mir um Menschen, die für jeden Quatsch um Hilfe bitten, am Besten ohne größer darüber nachzudenken. Die sich ihre Probleme selbst eingebrockt haben und auch selbst wieder rauskommen können, aber zu faul sind um sie eigenständig zu lösen. Die eine sofortige Hilfe erwarten und davon ausgehen, dass Andere sofort alles stehen und liegen lassen, um ihnen zu helfen.

Gerade hilfsbereite Menschen laufen Gefahr, selbst unterzugehen und dann ist niemandem geholfen. In etwa so, wie bei einem Notall im Flugzeug. Du kennst die Ansage, sich mit den Sauerstoffgeräten von der Decke immer erst selbst zu versorgen, bevor man sich um andere Menschen kümmert? Der Grund ist einleuchtend: Nur wer selbst aus einer gestärkten Position heraus handeln kann, kann überhaupt helfen.


Sie müssen lernen, Nein zu sagen, manchmal auch wenn sie um Hilfe gebeten werden. Wenn sie selbst keine Zeit oder andere Verpflichtungen haben, oder ihnen selbst gerade die Kraft fehlt. Wenn die Frage zu kurzfristig kommt oder nur aus Faulheit der anderen Person entsteht. Manchmal würde die Hilfe einen auch in den gleichen Ärger verwickeln oder die Person versucht sich um Dinge zu drücken, um die sie sich selbst kümmern müsste.

Es gibt viele gute Gründe zu helfen. Es gibt aber ebenso gute Gründe, Hilfe nicht anzubieten, Nein zu sagen, vor allem wenn es ohne Notsituation zum eigenen kleinen oder großen Schaden wäre.

Zusammenarbeit

Jeder Mensch hat eine ganz individuelle Art zu arbeiten – insgesamt und auch in einzelnen Situationen. Der eine braucht seine Ruhe, die andere den Kontakt zu anderen Menschen. Während manche Menschen das totale Chaos auf dem Schreibtisch nicht stört, brauchen andere ein ordentliches Umfeld.

So lange man zu Hause oder in einem eigenen Büro arbeitet, fällt es nicht schwer, sich sein Arbeitsumfeld so zu gestalten, wie man es braucht. Arbeitet man zusammen, gilt gegenseitige Rücksichtnahme. Um Rücksicht aufeinander nehmen zu können, müssen die Menschen von ihren momentanen und grundsätzlichen Wünschen wissen. Auch oder gerade weil in der Zusammenarbeit Wünsche gegensätzlich sein können und damit nicht jeder Wunsch erfüllt werden kann.

Während die einen lieber angerufen werden, bevorzugen die anderen asynchrone Kommunikation über E-Mail oder Chats. Die eine braucht ständigen Austausch, der andere mehr Ruhe um sich zu konzentrieren. Während manche zurückrufen, wenn sie nicht erreichbar waren, erwarten die anderen, dass der Anrufer oder die Anruferin sich nochmals meldet. Manche Menschen haben um sich herum gerne aufgeräumte Büroflächen, andere wiederum stört etwas Chaos nicht. Während den einen Unpünktlichkeit auf die Palme bringt, spielt das für andere eine untergeordnete Rolle.

Jeder hat eine ganz eigene Art zu arbeiten. Wenn die Kollegen nicht wissen, was einem wichtig ist, können die eigenen Bedürfnisse von den Kollegen nicht berücksichtigt werden und man wird selbst auf die Dauer nicht mehr zufrieden gute Arbeit erledigen können.

Respektvoller Umgang

Kennst du diese Menschen, die sich immer wieder über dich lustig machen? Ich meine nicht „hinter deinem Rücken“, sondern von Angesicht zu Angesicht. Ich rede auch nicht von Menschen, die einen nicht mögen, sondern von Freunden oder Verwandten, von guten Kollegen aus dem eigenen Team. Menschen, die dich vermeintlich auf dem Kieker haben, die ein Thema, das dir unangenehm ist, immer wieder auf den Tisch bringen und ihre Späße damit machen.

Und ist es dir auch schon mal passiert, dass diese Menschen – sobald das Thema nicht mehr (zu)treffend war, ein anderes Thema aus dem Hut gezaubert haben, mit dem sie ihre Scherze mit dir machen?

Und manchmal sind es gar nicht Scherze auf deine Kosten, sondern einfach nur Verhaltensweisen oder Arten der Formulierung, die dich verletzen?

Warum lässt du das zu bei dir, oder bei deiner Familie, oder bei deinen Kollegen und Kolleginnen? Weil du „keinen Ärger“ machen willst? Weil du nicht als empfindlich da stehen willst? Weil du glaubst, darüber erhaben zu sein oder weil du annimmst die Gründe zu kennen, warum der Mensch das macht? Weil du Größe beweisen willst und drüber stehst?

Was es auch ist, es ist es nicht Wert. Du entscheidest, wie ein respektvoller Umgang mit dir aussehen kann. Und so lange du nicht aufstehst und dich für einen anderen Umgang mit dir einsetzt, wird es keinen anderen Umgang mit dir geben. Und das nicht nur, weil es keine Notwendigkeit gibt, sondern vor allem, weil dein Gegenüber gar nicht wissen kann, dass dich sein Verhalten stört.

Deine Werte

Unsere Werte haben einen wesentlichen Einfluss darauf, was uns wichtig ist und was nicht, im Umgang untereinander, im Umgang mit uns. Wenn wir unsere eigenen Werte kennen, kann uns das helfen, besser zu verstehen, warum wir wie reagieren.

So haben sich beispielsweise vor ein paar Jahren ein Kollege und ich gegenseitig über unsere Werte ausgetauscht und festgestellt, dass für ihn Pünktlichkeit keine hohe Wichtigkeit hatte, für mich aber schon. Dieses gegenseitige Wissen hat uns in der weiteren Zusammenarbeit geholfen – zum einen um aufeinander gegenseitig mehr Rücksicht zu nehmen, zum anderen um Situationen des Unmuts besser bewerten zu können.

Was passiert, wenn jemand gegen deine Werte handelt? Du wirst dich ärgern. Aber kannst du den Menschen um dich herum einen Vorwurf machen, wenn sie gegen deine inneren Werte verstoßen, die sie nicht kennen? Zunächst kannst du deine eigene Reaktion auf die Verletzung beeinflussen und selbst entscheiden, wie viel Ärger du zulässt. Und du kannst deine persönlichen Werte anderen Menschen mitteilen und ihnen so Gelegenheit geben, sie in ihren Handlungen zu berücksichtigen.

Was ist dir wichtig im Umgang mit dir? Vielleicht ist das neue Jahr ein guter Anlass, sich dessen bewusst zu werden und dieses Wissen mit Anderen zu teilen. Für ein gutes Zusammenleben und Zusammenarbeiten.

(Das verwendete Bild ist von Jeanne Menjoulet – Vielen Dank!)

One Comment

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  1. Ich habe deinen Beitrag gelesen und erkenne mich in den von dir angesprochenen Punkten wieder – auf beiden Seiten der Medaille.
    Ich finde es wichtig & richtig, dass mir meine Gesprächspartner offen & ehrlich sagen können, wenn ich mich ihnen gegenüber falsch verhalten habe. Ich verletze niemanden mit Absicht oder trage bewusst dazu bei, dass sich meine Gesprächspartner unwohl fühlen und möchte dies dann bei einer nächsten Begegnung nicht wieder tun.
    Dazu brauche ich mitunter die Hilfe meines Gegenübers, um mir eingespielte Verhaltensmuster, evtl. auch meine Blindspots bewusst zu machen, überdenken zu können und mich selbst im besten Fall weiter zu entwickeln.
    Es ist mir wichtig, die Bedürfnisse meines Gesprächspartners zu kennen & zu verstehen, nur so können meine Verhaltensmuster nachhaltig abgebaut/verändert werden.
    Aber auch ich darf aktiver sein meine Bedürfnisse für meine Gesprächspartner transparent machen, damit diese verstehen & respektieren – im Besten Fall nachvollziehen können-, was mir wichtig ist, bzw. in welchem Rahmen ich eine Zusammenarbeit mitgestalten kann, in dem ich mich dann auch wohl fühle.
    Retrospektiven sind gerade in Teams für mich der perfekte Ort, um hierzu ins Gespräch zu kommen. Nachgelagert, kann das transparent machen der Bedürfnisse im Teamalltag weiter gefestigt werden, so dass das Sprechen über Bedürfnisse im Arbeitsalltag nicht mehr als befremdlich oder vermeintlich negativ wahrgenommen wird, sondern dabei hilft, die Zusammenarbeit zu stärken und als Team besser zusammen zu arbeiten.

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