Agile Mindset mind the gap

Agiles Mindset ist nicht das Ziel

Auch wenn es die Wenigsten gerne hören werden: Wir sollten aufhören, dauernd über das agile Mindset zu sprechen. Auch wenn es eines der Lieblings-Buzzwords in der agilen Community ist. Überall und immer geht es um das agile Mindset, das gebraucht wird und wäre es da, wäre alles viel einfacher.

Letztendlich ist das ein Ausdruck von Resignation oder zumindest von Hilflosigkeit. Denn seit mehr als 30 Jahren versuchen große Teile in der Welt, mit Agilität erfolgreich zu sein. Agil ist längst kein Thema mehr für ein paar IT-Nerds, sondern Mainstream und das obwohl die Basis – das Manifest für agile Softwareentwicklung – explizit aus der Softwareentwicklung für die Softwareentwicklung war (und ist).

Es gibt große Erfolge und ebenso Misserfolge. Woran das liegt? Die Antwort ist einfach: Längst hat sich herausgestellt, dass eine reine Beschränkung auf Prozesse in überschaubaren Bereichen – also zum Beispiel die Einführung von Scrum in einem einzelnen Team – nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Überhaupt ist eine Fokussierung auf Prozesse nicht ausreichend. Wir wissen ja (und leben es oft nicht): Menschen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge. Es geht viel mehr um eine gänzliche Veränderung von Arbeitsweisen, um andere Zusammenarbeit und veränderte Formen des Lernens in der Arbeit und für die Arbeit. Am Besten beginnt die Veränderung direkt durch einen anderen Umgang mit Kindern lange vor ihrem Eintritt in die Arbeitswelt.

Das Thema Agilität ist von „mach mal effektiver Software“ zu einem komplexen Monster angewachsen, das nicht mehr zu greifen ist. Es geht um Fragen, die Einfluss auf Veränderungen der ganzen Gesellschaft hat. Es geht um Neuorganisation von Arbeit. Ganze Industrien und vor allem die agile Community weltweit beschäftigt sich jetzt verstärkt mit den Faktoren, die Arbeiten mit agilen Methoden oder Frameworks erst ermöglichen oder noch erschweren. Es geht um Transformation von Organisationen und der Veränderung der Menschen in diesen Organisationen.

Wir nehmen war: der Wandel ist ganz schön komplex und je mehr man hinschaut, um so komplexer und allumfassender wird er. In unserem Versuch, dieses komplexe Gebilde griffig und das Gefühl von Unsicherheit gering zu halten, suchen wir nach gemeinsamen Grundlagen. Und jetzt stürzen sich alle auf „Agiles Mindset“.

Warum wir nicht über agiles Mindset reden sollten

So formuliert könnte man meinen, ich fände „Mindset“ schlecht. Das ist natürlich totaler Quatsch. Mindset ist nicht schlecht. Es ist auch nicht gut. Mindset ist einfach.

Was bedeutet denn Mindset?

Da der englische Begriff auch im Deutschen häufig verwendet wird, erst die englische Beschreibung: „Mindset is the established set of attitudes held by someone“. Mindset ins Deutsche übersetzt heißt so viel wie Mentalität oder Denkweise und ist damit eine etablierte Summe von Einstellungen oder Haltungen von jemandem.

Das Mindset, die Mentalität oder Haltung ist eine durch Werte und Moral begrenzte Denkweise eines Menschen, die seinen Handlungen, Zielsetzungen, Aussagen und Urteilen zu Grunde liegt.  Bekannte und oft genannte  Werte sind so etwas wie Freiheit, Vertrauen, Loyalität, Ehrlichkeit, Sicherheit, Toleranz und auch Präsenz, Glaubwürdigkeit, Neutralität und Ähnliche. Diese Werte sind tief in Menschen verankert. Sie bilden und verändern sich durch unser Erleben, durch die Erfahrungen, die wir in unserem Leben machen.

Warum agiles Mindset fordern Quatsch ist

Wenn also die Haltung die Handlungen, Ziele, Aussagen und Urteile beeinflusst und entstanden ist durch das Erleben und die Erfahrungen im Leben, dann müsste ein Mensch bereits positive Erfahrungen mit agilem Arbeiten gemacht haben, um ein Agiles Mindset mitzubringen. Wir fordern das aber als Grundlage, damit agiles Arbeiten funktioniert. Da beißt sich die Katze selbst in den Schwanz.

Die zusätzliche Schwierigkeit, die ich damit habe, wenn jetzt ständig und überall von „Mindset“, oder am Besten gleich wertend von „dem richtigen Mindset“ (das die Menschen natürlich meistens nicht haben) gesprochen wird? Mindset ist nicht nur weder gut noch schlecht, es ist auch nichts, was man umsetzen kann, mit oder an dem man direkt und aktiv arbeiten kann. Damit verhindert eine Fokussierung in den Überlegungen und Diskussionen auf das „agile Mindset“ konkrete Handlungen, direkte Maßnahmen für die Veränderungen, die wir eigentlich erreichen wollen. Es kommt zu unkonkreten Kulturmaßnahmen mit der Hoffnung, dass es schon einen Einfluss haben wird. Hinzu kommt, dass eine Aussage wie „agiles Mindset“ in den Diskussionen häufig nicht weiter spezifiziert wird. Was soll das sein, dieses agile Mindset?

Und jetzt? Wir sollten schlicht kein Agiles Mindset fordern und brauchen auch nicht versuchen durch hoffnungsvolle Maßnahmen darauf einzuwirken – denn wenn Menschen dieses Mindset hätten, würden sie schon in einem agilen Umfeld arbeiten oder hätten zumindest Erfahrungen in einem solchen Umfeld gemacht.

Was wir stattdessen machen sollten

Es hilft nicht, Agiles Mindest zu fordern. Und es reicht nicht, irgendwo in der Software Entwicklung Scrum oder Kanban einzuführen. Es geht – um es mit den Ideen von Modern Agile zu verknüpfen – darum, Kunden großartig zu machen durch Wert, der in einer sicheren Umgebung von kontinuierlich lernenden Menschen regelmäßig geliefert wird. Hilfreich ist dabei sicher, wenn alle beteiligten Menschen Freude daran haben.

Dafür braucht es interdisziplinäre Teams und Netzwerke, die verantwortlich für die Schaffung von diesem Wert sind. Das wiederum bedeutet, dass man verstehen muss, was der Kunde braucht und wie Arbeit ganz praktisch funktioniert. Es geht nicht nur um Software Entwicklung, sondern um die Frage, wie übergreifende Teams und Netzwerke gemeinsam aus Kunden-Feedback lernen, alle Aufgaben übernehmen und am Wertstrom organisieren – ganz egal ob das HR, Finance, Sales, Führung, Recht und sonstige Themen sind.

Wir wollen und sollten unsere Arbeit konkret an Nutzen für den Kunden ausrichten. Dafür hilft es nicht von Mindset zu reden, sondern von dem, um was es eigentlich geht: Die Entwicklung von echten Teams und Netzwerken, die sich unterstützt vom gesamten System der Organisation der Generierung von Wert für Kunden widmen – und da wir in einer komplexen Welt schnell agieren und reagieren müssen, helfen uns agile Methoden und Praktiken auf Basis der grundlegenden modernen agilen Prinzipien:

  • Mache Menschen großartig
  • Schaffe Sicherheit als Voraussetzung
  • Probiere aus und lerne schnell
  • Liefer kontinuierlich Wert

Das zu schaffen ist ein gutes Stück Arbeit orientiert am Kunden und den Menschen, die diese Arbeit leisten. Es geht darum, psychologische Sicherheit zu schaffen und Umgebungen zur Verfügung zu stellen, die das schnelle Lernen und kontinuierliche Liefern vorn Wert ermöglichen. Dieser Arbeit wird eine Übervereinfachung durch Begriffe wie „agile Mindset“ nicht gerecht. Agiles Mindset ist nicht das Ziel, sondern eine Folge von in passenden, robusten und veränderbaren Systemen gut funktionierenden (und agil arbeitenden) Teams und Netzwerken.

Vielen Dank an dieser Stelle an die vielen inspirierenden Gespräche und Gedanken in den letzten Wochen und Monaten. Bezüglich dieses Artikels Danke unter anderem an Kai-Marian Pukall, Christian Fischer, Doris Leinen und Chris Alexander, dessen Artikel Grundlage für meine ergänzenden Gedanken war.

(Das verwendete Bild ist von Carles Sànchez – Vielen Dank!)

8 Comments

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  1. Du schreibst „…Damit verhindert eine Fokussierung in den Überlegungen und Diskussionen auf das „agile Mindset“ konkrete Handlungen, direkte Maßnahmen für die Veränderungen, die wir eigentlich erreichen wollen. Es kommt zu unkonkreten Kulturmaßnahmen mit der Hoffnung, dass es schon einen Einfluss haben wird…“

    Das klingt für mich so, als ob das Nachdenken über unsere „Summe von Einstellungen oder Haltungen“ zwangsläufig zu „unkonkreten Kulturmaßnahmen“ führte.

    Ich würde mir freuen, wenn du mir deinen Gedanken erklären könntest, da ich glaube, dass das für mich ein Schlüssel zu deinem Artikel ist.

    1. Hallo Udo. Vielen Dank für deine Rückfrage. Ich will versuchen, deine Frage zu beantworten:

      Zum einen ist das nicht zwangsläufig so. Es ist aber ein Muster, das ich häufig erlebe: wenn ein Verhalten, das wir uns wünschen, nicht stattfindet und die bisherigen Maßnahmen nicht zur Verhaltensänderung führten, wird häufig „das Mindset“ beschuldigt und „das andere Mindset“ als Voraussetzung heraufbeschworen.

      Da „das Mindset“ aber individuell die Summe der Einstellungen und Haltungen ist, lässt sich das nur von jedem selbst ändern. Die Verantwortung, am System Dinge zu ändern (vielleicht mit anderen, konsequenteren oder radikaleren Maßnahmen) wird abgegeben und verschoben zur Verantwortung jedes Einzelnen, doch gefälligst das benötigte Mindset mitzubringen.

      Wir brauchen kein agiles Mindset, sondern bestimmtes Verhalten und das lässt sich durchaus beeinflussen – aktiv und direkt durch kleine und große Änderungen im System, viel unkonkreter durch schwammige Kulturkommunikationsmaßnahmen.

      Das ist wie mit Kultur: wir brauchen keine Willkommenskultur in Deutschland, sondern Menschen, die andere Menschen wirklich Willkommen heißen (und weniger Nazis). Ja, dann haben wir die Willkommenskultur – weil Menschen sich wie gewünscht verhalten. Und dieses Verhalten muss ich erreichen, nicht die Kultur, die das Abbild davon ist.

      Hat das deine Frage beantwortet?
      Was ist deine Meinung dazu?

  2. Vielen Dank für die klarstellenden Worte an Daniel und die Kommentatoren.

    Eine Coachee formulierte das Problem, das ich hier durcheinen sehe, kürzlich so:
    „Wir machen jetzt mal einen Monat lang Agilität und dann wieder etwas produktives.“

    Ich erkenne in solchen und ähnlichen Ausführungen einen Einstein’schen Problem-Komplex. Das Denken, das uns reingeritten hat, soll uns bitte auch wieder herausholen.

    Und so muss ich immer wieder lesen und hören, es solle „Agilität eingeführt“ und „ausgerollt“ werden.
    Als sei es ein Teppich, den man vom Innenausstatter liefern lassen könne.

    Ich bin der Auffassung, es ist schon zielführend, eine Vorstellung für ein agiles Mindset zu formulieren.

    Dann hat man etwas, womit und woran man arbeiten kann.

    Ich biete das hier zum Einstieg an:
    „Ich bin Bestandteil eines Zusammenhangs.
    Wir unterliegen einem steten Einfluss des Wandels.

    Durch meinen Beitrag sind wir in der Lage
    – Unsere Funktion zu erfüllen
    – Veränderungen zu begegnen
    – und uns an die Erfordernisse anzupassen“

    Und danach schauen wir uns an, wo wie und wodurch sich das zeigen kann.

  3. Man kann agiles Mindset nicht forden, aber man kann es fördern. „Sei agil“ funktioniert natürlich nicht. Aber man kann kleine Impulse geben und den Menschen das Ziel der Veränderungen aufzeigen. Wir müssen gemeinsam eine agile Mentalität enwickeln. Ein erster Weg ist, Regeln und Vorgaben durch Prinzipien und Ziele zu ersetzen.

    1. Vielen Dank für deinen Beitrag. Wie konkret hilft Prinzipien und Ziele einführen? Das hilft doch auch nur, wenn konkrete Veränderungen gemacht werden, die ein neues Verhalten auf Basis dieser Prinzipien für jeden einzelnen gewinnbringend machen.

      Nur Prinzipien und Ziele zu formulieren und aufzuschreiben ist wie Poster zu Meetingregeln in Meetingräumen.

      1. Wenn Du gewinnbringend durch erstrebenswert ersetzt, stimme ich voll zu.

        Prinzipien und Ziele sollten über Regeln und divergierenden Vorstellungen stehen. Und ja: nur aufschreiben reicht nicht. Aber ohne diese herrscht Orientierungslosigkeit und jeder sucht sich seinen eigenen Weg. Man könnte jede Anforderung des Kunden in Frage stellen. Das wäre Anarchie. Es ist eine Führungsaufgabe, die Motivation im Team in diese Richtung zu lenken.

  4. Schöner Impuls – teile viele Punkte, jedoch möchte ich die These in den Raum stellen, dass sich Mindset und Toolset gleichzeitig entwickeln und es egal ist, womit ich starte. Als Beispiel sei das Henne-Ei-Problem genannt. Siehe „Strukturelle Kopplung“ von Maturana.

    Cheers,
    Mark

    1. Dass sich das Mindset mit „Toolset“ und neuem „Strukturset“ mitentwickelt, da gehe ich mit. Dass es egal ist, womit man startet, da gehe ich nicht mit – weil man schlichtweg nicht mit dem „Mindset-Change“ anfangen kann. Zumindest fällt mir nicht ein wie – vielleicht mit gut zureden? Wie würdest du die Haltung eines Mitarbeiters oder Teams oder Unternehmens aktiv ändern?

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