Eine schlechte Zusammenarbeit digitalisiert, bleibt eine schlechte Zusammenarbeit

Warum wir bei der KI gerade denselben Fehler machen wie beim Internet, beim Smartphone und beim Homeoffice – und warum das Risiko diesmal nicht in der Überforderung, sondern in der perfekten Illusion liegt.

Stell dir vor, du bist in einem Projekt Anfang der 2000er Jahre. Die Aufgabe: Die interne Kommunikation eines Mittelständlers zu “digitalisieren”. Die Erwartungshaltung ist glasklar: Wenn man erst einmal eine gemeinsame Plattform hat, fließen Informationen schneller, Abstimmungen werden kürzer, Entscheidungen besser. Man führt die Plattform ein. Pünktlich, im Budget, mit aufwendigen Schulungen.

Hier bekommst du einen durch NotebookLM generierten KI-Podcast Dialog zu diesem Artikel.

Ein Jahr später zeigt sich die Ernüchterung. Die Plattform ist voll. Voll mit Dokumenten, die niemand pflegt. Voll mit Diskussionen, die ins Leere laufen. Voll mit Ankündigungen, auf die niemand reagiert, weil völlig unklar geblieben ist, wer eigentlich für was zuständig ist. Die Plattform hat das Problem nicht gelöst. Sie hat es lediglich archiviert.

Dieses Muster wiederholt sich seit Jahrzehnten in immer neuen Varianten. Man sieht es gerade wieder, diesmal mit Künstlicher Intelligenz. Doch diesmal gibt es eine neue Qualität der Täuschung, die man genauer betrachten sollte.

Warum man immer wieder denselben Fehler macht

Die Begeisterung für neue Technologie ist meistens berechtigt, weil man mit ihr zunächst persönliche echte und positive Erfahrungen macht. Als das Internet kam, konnte man plötzlich auf Wissen zurückgreifen, für das man vorher aufwändig dicke Bücher in Bibliotheken wälzen. Als Smartphones kamen, hatte man Kamera, Kalender, Navi und Kommunikation in der Hosentasche. Im Homeoffice spart man sich die Pendelzeit und gewinnt Flexibilität für die eigene Lebensgestaltung. Und bei der KI? Man erlebt gerade, wie sie lästige Routinearbeit abnimmt, Texte strukturiert oder Code schreibt. Eine echte Erleichterung.

Das sind keine Marketingversprechen, das sind echte Erfahrungen und sie funktionieren im Privaten oder im isolierten Arbeitsschritt hervorragend. Genau hier liegt ein Denkfehler. Man schließt von der eigenen, offensichtlichen Effizienzsteigerung auf die Qualität der gemeinsamen Arbeit im Unternehmen. Wer erlebt, dass er mit KI in zehn Minuten einen Entwurf erstellt, für den er sonst Stunden gebraucht hätte, kann sich lebhaft vorstellen, wie das gesamte Team nun “bessere” Ergebnisse produziert.

Doch das ist oft ein Trugschluss. Der Wert einer Technologie zeigt sich erst mal schnell, wenn die Bedingungen einfach sind. Eine Person, eine Absicht, unmittelbares Feedback. In Organisationen gelten andere Gesetze. Hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander, Verantwortung ist oft diffus verteilt und Entscheidungen sind selten rein sachlich, Arbeitsschritte vernetzt und verteilt. Technologie trifft auf diese Bedingungen, aber sie verändert sie nicht. Sie lässt sie bestehen und macht sie manchmal nur sichtbarer, schneller oder lauter. Das gilt besonders für KI, weil sie mehr kann als die Technologien der Digitalisierung zuvor.

Drei Wellen, ein Muster: Das Versprechen vs. die Realität

Um das Risiko der KI-Welle zu verstehen, muss man sich anschauen, wie die letzten technologischen Heilsversprechen an der Realität der Zusammenarbeit oft vorbeigingen.

1. Das Internet: Verfügbarkeit ist nicht gleich Entscheidung

Ende der 90er war die Diagnose, dass wir zu langsam sind, weil Informationen weder verteilt sind, noch schnell fließen. Das Internet sollte das Problem lösen. Was man übersah war, dass die Langsamkeit in Organisationen meistens kein Kommunikationsproblem, sondern ein Entscheidungs- und Verantwortungsproblem ist. Wenn unklar ist, wer den Hut aufhat, hilft es nicht, die Information schneller zu verteilen. Sie landet dann nur schneller bei mehr Menschen, die sich gleichermaßen nicht zuständig fühlen. Die Technik hat die Informationsdichte erhöht, aber die Effektivität oft gesenkt.

2. Smartphones: Erreichbarkeit ist nicht gleich Koordination

Dann kam das Versprechen der permanenten Erreichbarkeit. Abstimmung sollte zum Selbstläufer werden. Tatsächlich passierte oft das Gegenteil. Entscheidungswege wurden nicht kürzer, sie wurden dauerhaft “aktiv” gehalten. Weil man jederzeit jemanden fragen kann, muss man sich seltener festlegen. Man beobachtet heute Teams, die Entscheidungen in Messenger-Gruppen endlos zirkulieren lassen, ohne sie je final zu treffen. Man ist zwar “connected”, aber nicht koordiniert und effizienter wird man durch diese Technologie so nicht.

3. Homeoffice: Flexibilität ist nicht gleich Zusammenarbeit

Beim Homeoffice war die Annahme, dass Menschen durch den Wegfall der Pendelzeiten produktiver werden und eine bessere Balance finden. Das ist für den Einzelnen oft wahr. Für die Zusammenarbeit in der Organisation war es jedoch oft ein Offenbarungseid. Vielerorts wurde deutlich. Zusammenarbeit funktionierte vorher oft nur deshalb, weil man sich (zufällig) über den Weg lief oder die physische Präsenz eine Form der sozialen Kontrolle ermöglichte. Im Homeoffice fiel dieses implizite Gerüst weg. Wer keine klare Ergebnisorientierung und keine explizite Struktur hatte, erlebte nicht mehr Freiheit, sondern mehr Unsicherheit. Und auch hier wird deutlich, dass die Vorteile für den Einzelnen die Aufwände für die Koordination der Zusammenarbeit deutlich erhöht hat.

Der Erfolg, der uns blind macht: Ein Paradoxon

Man darf bei aller Kritik nicht den Fehler machen, den technologischen Fortschritt pauschal als “schlecht” abzutun. Ich mache das auch nicht. Ein Blick auf die Daten des DIW Berlin oder den “Glücksatlas 2024” zeigt, dass sich die Lebenszufriedenheit in Deutschland seit 1990 tendenziell positiv entwickelt, und das trotz der Krisen der letzten Jahre. Mit etwa 7,06 Punkten liegt sie aktuell wieder auf dem hohen Niveau der 2010er-Jahre.

Technologie hat unser Leben sicher komfortabler gemacht. Homeoffice verbessert für viele die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, Pendelstress entfällt, und die Produktivität steigt individuell oft um bis zu 20 %. Diese Gewinne an persönlicher Lebensqualität sind real und genau das kann ein Problem für die Organisationen werden.

Dieser individuelle Komfort wirkt wie ein Anästhetikum. Weil das Smartphone mein Privatleben so effizient organisiert und die KI mir den mühsamen Text schreibt, unterliegen wir dem Irrtum, dass diese Werkzeuge auch die systemischen Probleme lösen müssten. Wir verwechseln den individuellen Bedienkomfort mit organisatorischer Funktionalität.

Die Welt ist komplex, und sie bleibt es. Komplexität ist eine Konstante, die man nicht steigern kann. Das Problem ist also nicht, dass die Welt “komplexer” wird, sondern dass wir versuchen, diese Komplexität durch Technik zu simplifizieren, anstatt sie auszuhalten. Wir nutzen Technik, um uns nicht mehr mit der mühsamen sozialen Arbeit der Klärung beschäftigen zu müssen.

Die neue Qualität der KI: Die Simulation von Substanz

Jetzt kommt die KI. Und diesmal ist etwas grundlegend anders. Bisherige Technologien haben die Logistik unserer Arbeit verändert (wie wir Informationen verteilen oder wo wir dabei sitzen). Das Denken und Entscheiden blieb eine menschliche Aufgabe.

KI kann nun erstmals das Ergebnis dieser Arbeit imitieren. Sie schreibt Strategiepapiere, erstellt Entscheidungsvorlagen und formuliert Feedbackgespräche. Das Risiko dabei ist, dass KI etwas kompetent erscheinen lässt, ohne die eigentliche Arbeit dahinter zu leisten. Ein Strategiepapier, das KI geschrieben hat, sieht aus wie eines, das jemand durchdacht hat. Ob die zugrunde liegenden Entscheidungen aber tatsächlich getroffen wurden, ob jemand dafür Verantwortung übernimmt oder ob die nötigen Konflikte ausgetragen wurden, das ist im Dokument nicht sichtbar.

Man riskiert hier eine “Kompetenz-Simulation”. Organisationen, die ihre strukturellen Probleme bisher mit Kommunikationstools überlagert haben, können das jetzt mit hochglanzpolierten Outputs tun. Die Oberfläche wirkt professionell, die Substanz darunter bleibt unberührt.

Was KI nicht kann und was wir zu delegieren versuchen

Man muss sich ehrlich fragen, welche Aufgaben eine KI niemals übernehmen kann. Die Antwort aus meiner Sicht: Sie kann keine Verantwortungsgemeinschaft bilden. Führung ist soziale Arbeit am System. KI kann keine moralische Entscheidung treffen, hinter der ein Mensch mit seinem Namen steht. Sie kann keinen echten Konflikt zwischen zwei Abteilungen moderieren, bei dem es um Werte und nicht um Daten geht.

Was eine KI aber kann, das ist genau diese Arbeit zu “maaskieren”. Man nutzt den KI-Output als Schutzschild, um sich nicht festlegen zu müssen. Wir drohen die Technik zu nutzen, um die Unbequemlichkeit der Komplexität zu vermeiden.

Das Anreizproblem: Warum wir lieber Tools kaufen als Probleme lösen

Warum wiederholt man dieses Muster so konsequent? Weil Organisationen Sichtbarkeit statt Klärung belohnen. Wer ein neues (KI-)Tool einführt, tut etwas Sichtbares: Ein Budget wird genehmigt, ein Roll-out wird kommuniziert. Wer stattdessen sagt: “Wir müssen erst klären, nach welchen Kriterien wir hier eigentlich entscheiden”, gilt oft als Bremser. Klärungsarbeit produziert erst einmal Unruhe und Stillstand und die Metriken, die Fortschritt belegen sollen, werden nicht erfüllt. Sie hat keinen Platz im Projektplan.

Das führt dazu, dass man technische Möglichkeiten oft als Abkürzung missversteht, um sich nicht mit den “echten” Problemen beschäftigen zu müssen. Man digitalisiert die Hoffnung, dass die Software das erledigt, was man menschlich oder strukturell nicht hinbekommt. Aber: A fool with a tool is still a fool. Wer ein Werkzeug nutzt, ohne das echte Problem zu kennen, skaliert nur das eigenes Unvermögen.

Was wirklich hilft: Struktur vor Technologie

Technische Möglichkeiten lösen Probleme nur dann, wenn man das echte Problem kennt und die Technik dann sinnvoll einsetzt. Ein teurer Hammer macht aus einem schlechten Zimmermann keinen guten. Anstatt blind auf das nächste Produktivitätsversprechen wie “KI macht und 20% effizienter” zu setzen, lohnt sich eine nüchterne Bestandsaufnahme. Stell dir vor, man würde sich trauen, erst einmal die Entscheidungsstrukturen zu klären, bevor man das nächste große Tool ausrollt. Man würde sich fragen: “Würde dieser Prozess auch funktionieren, wenn wir keine KI hätten, sondern einfach nur fähige Leute und genug Zeit?” Wenn die Antwort “Nein” lautet, dann löst man gerade kein Effizienzproblem, sondern kaschiert strukturelles Versagen.

Drei Fragen zum Weiterdenken

Anstatt über Lizenzen, das richtige KI Modell, die Datenschutzfragen oder standardisierte Agenten und Prompts nachzudenken, sollte man sich lieber diesen drei Fragen stellen:

  1. Was ist das eigentliche Problem? Wenn Informationen nicht ankommen oder Entscheidungen stocken: Liegt es wirklich am Werkzeug? Oder liegt es daran, dass die Verantwortlichkeiten so diffus sind, dass das beste Tool nur das Rauschen verstärkt?
  2. Wer trägt die Verantwortung für das Ergebnis? KI liefert Entwürfe, aber keine Rechenschaft. Ist in deiner Organisation geklärt, wer persönlich für das geradesteht, was die Maschine auswirft? Oder nutzen wir die Technik bereits als kollektives Alibi?
  3. Welchen Zweck verfolgen wir wirklich? Wollen wir durch KI tatsächlich die Arbeitsqualität erhöhen, oder wollen wir nur immer mehr für weniger Einsatz und lediglich die Tatsache überdecken, dass unsere Prozesse ohne technologische Dauerbeatmung gar nicht lebensfähig wären?

Fazit

KI ist schon da oder wird weiter kommen, und sie wird echten Nutzen stiften. Das aber nur an den Stellen, an denen das richtige Fundament gelegt ist. Die größte Gefahr ist nicht die Technik an sich. Die Gefahr ist, dass wir die KI nutzen, um unsere eigene Unfähigkeit zur Strukturierung und Führung zu verbergen oder gar abzugeben.

Technik ist ein Verstärker. Sie macht eine gute Zusammenarbeit besser, aber eine schlechte Zusammenarbeit gefährlicher, weil sie die Probleme hinter einer perfekten Fassade unsichtbar macht. Wir sollten aufhören, Werkzeuge einzuführen um Probleme zu lösen, die wir eigentlich im Dialog zwischen Menschen strukturieren, klären und lösen müssten.

Was nimmst du gerade in deiner Organisation wahr? Nutzt ihr KI als Werkzeug für echte Facharbeit, oder als Dekoration für ein marodes Fundament? Ich bin gespannt auf deine Perspektive.

(Das Bild ist mit Google Gemini generiert.)

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Daniel Dubbel

Führungskraft @ DB Systel GmbH und Berater | Wenn Sie diese Fragen nicht nur verstehen, sondern in Ihrer Organisation konkret anpacken wollen, begleite ich Sie als Organisationsberater mit MAKEFUTUREWORK.com | 🤝 Neugierig? Dann lass uns sprechen.

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