Was ist schon falsch?

Bereits in meinem vorherigen Beitrag „Scheitern ist Scheiße“ habe ich mich zum Thema Fehlerkultur geäußert. Jetzt ist mir ein längerer Kommentar von Kurt A. H. Steffenhagen in sozialen Netzwerken untergekommen. Darin hat er eine weitere Facette aufgemacht, die mich wieder zum Nachdenken gebracht hat.


Er schrieb unter anderem, dass es kein Fehler sei, sich mit der Frage des Umgangs mit Fehlern, die Menschen machen, zu beschäftigen. Allerdings sei es oberflächlich, Fehler über einen Kamm zu scheren und von Fehlerkultur zu sprechen. Fehler seien nicht gleich Fehler und es komme darauf an, in welchem Zusammenhang die Abweichung von dem, was man zu erreichen dachte, geschieht. Bis hierhin bin ich ganz seiner Meinung und habe bereits in meinem letzten Artikel dazu versucht, das zu unterstreichen.

Spannend war für mich der anschließende Hinweis, dass er absichtlich das Wort „Abweichung“ anstelle „Fehler“ verwende. Als ich das gelesen habe ist mir sehr deutlich geworden, wieso sich in mir alles vermehrt gesträubt hat, wenn von Fehlerkultur und der Kunst des Scheiterns gesprochen wird.

Was ist ein Fehler?

Als „Fehler“ bezeichnet man etwas, das nicht dem entspricht, was zutreffend oder erforderlich ist. Ob etwas falsch ist oder nicht, ist also abhängig davon, was als zutreffend oder erforderlich angenommen wird. In der komplexen Welt gibt es das aber nicht allgemeingültig. Was für den einen mit seinem Kenntnisstand, seiner Erfahrung und Meinung zutreffend erscheint, ist für den anderen größter Mumpitz. Beispiel: Als Vertreter agiler Methoden ist für mich das Anweisen von Aufgaben erst mal „falsch“. So zu arbeiten halte ich nicht für richtig und bin überzeugt, dass ein anderes Vorgehen besser ist. Andere sind mit einer solchen Arbeitsweise als „Anweiser“ oder „Anweisungsempfänger“ aber seit Jahren erfolgreich – ist das Verhalten also wirklich falsch?

Abweichung

Die Betrachtung, ob etwas falsch ist oder nicht, ist hochgradig individuell und in Komplexität mit all seinen Abhängigkeiten und Überraschungen nicht einfach zu beantworten. Auch deswegen ist in der Psychologie längst nicht mehr von falschem, sondern von abweichendem Verhalten die Rede. Jemand, der sich nicht konform der Norm verhält, hat ein von der Norm abweichendes Verhalten – das beschreibt den Zustand, ohne ihn gleich zu bewerten. Das ist wichtig und keine Wortklauberei, weil die Bewertung des Verhaltens wieder hochgradig individuell und vom Blickwinkel abhängig ist und nicht über einen generellen Kamm geschoren werden kann.

 

Letztendlich ist also schon der Begriff „Fehlerkultur“ ein Zeichen dafür, dass wir noch in alten Denkmustern unterwegs sind, in denen sich irgend jemand das Recht heraus nimmt zu entscheiden, was grundlegend richtig und was falsch ist. Hintergrund der ganzen Diskussion gerade in der agilen Welt ist der Wunsch, aus Fehlern zu lernen, um es ein nächstes mal richtig zu machen. In einem komplexen System kann aber das „falsche“ in der einen Situation das „richtige“ in einer ähnlichen aber letztendlich doch anderen Situation bedeuten. Gerade im Umgang mit Menschen, bei Themen wie Führung und Ähnlichem, kann man das immer wieder erleben. In geschlossenen einfachen oder komplizierten Systemen ist das anders – in denen bewegen wir uns aber eher selten.

Ein erster Schritt

 

Erster Schritt für einen anderen Umgang mit „Fehlern“ könnte also sein, dass wir uns bewusst machen, dass es kein pauschales Richtig oder Falsch gibt, sondern – wenn überhaupt – eine Norm und eine Abweichung. Und dann können wir uns überlegen, was für uns ein erfolgreiches Handeln in individuellen Situationen ausmacht und gemeinsam überlegen, ob das möglicherweise von der Norm abweichende Verhalten dennoch erfolgreich war oder nicht, um auch daraus zu lernen. Was meinst du dazu?

(Das verwendete Titelbild ist von mendhak – vielen Dank!)

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