Warum Scrum nicht die Lösung ist

Scrum ist das am weitesten verbreitete Framework, in dem agil Software entwickelt wird. Das Framework ist so verbreitet, dass es verstärkt auch in Bereichen jenseits der IT eingeführt wird und das hat gute Gründe: Es gibt einen klaren (und einfach zu vermarktenden Rahmen), der in sich schlüssig ist. Es wirkt einfach und universell einsetzbar und es berücksichtigt die am Menschen orientierten Werte und Prinzipien des agilen Manifests nachvollziehbar.

Es klingt auch zu schön um wahr zu sein. Nachdem alte im Taylorismus geborene Wasserfall-Methoden offensichtlich zu häufig nicht das gewünschte Ziel erreicht haben, kommt eine flexible und leichtgewichtige Methode gerade recht. Die ist einfach und lässt sich zudem gut verkaufen – an Unternehmen und im Unternehmen. Da gibt es viele schlagkräftige Argumente, allen voran von den Scrum-Vätern selbst, die von hochperformanten Scrum-Teams mit mehr als 400% Output sprechen.

 

Wenig versierte Verkäufer lassen den Glauben aufkommen, dass man mit Scrum schneller und billiger entwickeln kann, was Quatsch ist. Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Andere Scrum-Verkäufer sind da ehrlicher. Nicht schneller und billiger seien Projekte mit Scrum, dafür häufiger erfolgreich mit mehr und besseren Ergebnissen in höherer Qualität und positivem Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Kurz gesagt: Scrum mache Unternehmen erfolgreicher. Um es mit den Deutschpunkern Die Ärzte zu sagen: Hip Hip Hurra, alles ist super, alles ist wunderbar. Hip Hip Hurra, alles ist besser, als es gestern war.

 

Und dann schlägt die unbarmherzige Realität zu!

Komisch. Wenn das so ist, wieso gibt es dann so viele Mitarbeiter, die gar nicht viel glücklicher aussehen, die sich alle zwei Wochen erzählen, wie mies eigentlich alles läuft und wer daran Schuld ist (meistens natürlich irgendwelche anderen). Wieso scheitern dennoch viele Projekte und sind Produkte wenig erfolgreich. Wieso gibt es weiterhin Bugs und Fehler in der Entwicklung. Wieso sind nicht wirklich alle zufriedener? Wieso sind Unternehmen, die Scrum Teams haben, nicht alle erfolgreich?

Die Antwort ist einfach: Weil Scrum nicht die Lösung für diese Probleme ist. Scrum macht nicht pauschal zufriedener, erfolgreicher, reicher und schöner. Scrum ist ein Prozess-Framework und keine Wunderwaffe. Scrum kann helfen, muss es aber nicht.

 

Warum Scrum nicht die Lösung ist

Scrum wird häufig (von und in der IT) eingeführt. Das ist erst mal nicht schlecht, weil perspektivisch jedes Unternehmen auch zu einem Software-Unternehmen wird. Für Scrum werden mehr oder weniger interdisziplinäre Teams formiert, die mehr oder weniger konstant ein mehr oder weniger klar umrissenes Ziel verfolgen. Und selbst wenn diese Rahmenbedingungen optimal für Umsetzung mit Scrum geschaffen werden, wenn also das interdisziplinäre Team mit maximal neun Teammitgliedern alle Skills hat, um das Produkt autark voran zu treiben, reicht das nicht. Warum?

Nur die Besten

Scrum ist zunächst nur ein Werkzeug für flexible Arbeitsprozesse. Und wie heißt es so schön: „a fool with a tool is still a fool“. Ein Werkzeug wie dieses kann unterstützen, vereinfachen, beschleunigen. Und auch wenn ein wesentlicher Bestandteil ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess ist, liegt die Beschränkung in den Personen, die mit dem Prozess arbeiten. Unterstrichen wird das vom jüngsten Update des Scrum Guides, bei dem folgende Scrum Werte in einem eigenen kurzen Kapitel ergänzt wurden.

  • Commitment (Zusagen treffen und einhalten)
  • Courage (Mutig unbekanntes Land betreten und die eigene Meinung vertreten)
  • Focus (Fokussieren auf das Wichtigste)
  • Openness (Offenheit und Transparenz)
  • Respect (Respektvoller Umgang mit Kollegen, Stakeholdern und Kunden)

All diese Werte spielen in klassischem Vorgehen eine untergeordnetere Rolle für die Entwickler eines Produkts oder Projekts. In Scrum sind sie Schlüsselfaktoren, Werte die für Mitglieder in den Teams eine Selbstverständlichkeit sein müssen. Scrum braucht deutlich mehr gut ausgebildete und erfahrene Menschen, die gerne im Team zusammen arbeiten, motiviert und veränderungsbereit sind, um erfolgreich zu sein. Die Anforderungen an jeden einzelnen Mitarbeiter in Scrum sind insgesamt höher. Hat man von solchen Menschen nicht genug, geht der Schuss sehr schnell nach hinten los. Bereits 2011 habe ich dazu geschrieben, dass es wichtig ist, nicht nur Prozesse zu verbessern, sondern auch Mitarbeiter zu befähigen.

Nicht nur lokale Optimierung

In Scrum gibt es viele Möglichkeiten, um sowohl das Produkt, als auch die Arbeitsweise des Teams früh und kontinuierlich anzupassen, zu optimieren um so immer besser zu werden. Scrum beschränkt sich dabei auf Prozesse, Rollen, Regeln und Artefakte innerhalb dieses Teams, das mit Scrum arbeitet. Diese Form von Team-Optimierung ist die Aufgabe von tausenden Scrum Mastern, so habe ich selbst gearbeitet, arbeite ich teilweise noch jetzt und eine lokale Optimierung ist wichtig und hilfreich für das Team selbst.

Ein, zwei oder auch viele optimierte Teams sorgen dennoch nicht maßgeblich für eine bessere Gesamtorganisation. Die Scrum Teams sind im besten Fall hochgradig optimiert und arbeiten besser als die Teams aller anderen Unternehmen. Relevant für den Erfolg ist eine für den Markt aufgestellte Gesamtorganisation, in der lokal optimierte Teams auch die Interaktion zwischen sich optimiert haben und die gesamte Organisation sowohl an ihrer Wertschöpfungsstruktur, als auch an einer gemeinsamen Vision ausgerichtet ist. So wie das große Optimierungspotenzial eines Teams in der Interaktion der Mitarbeiter liegt, liegt das Optimierungspotenzial für eine Organisation in der Interaktion zwischen den Teams und dem System der Organisation selbst.

Ist Scrum also schlecht?

Scrum ist nicht schlecht, sondern ein gutes Framework zur Unterstützung von Veränderung. Es ist nicht die Durchführung von Scrum in Teams und die mehr oder weniger gute Umsetzung des Frameworks, die Unternehmen erfolgreicher macht, besser für die Herausforderungen des Marktes aufstellt, eine höhere Qualität und schnellere Entscheidungen erzeugt. Geschwindigkeit und Flexibilität einzelner Teams lassen sich mit Scrum positiv beeinflussen. Ist ein Unternehmen ein kleines Startup, das lediglich aus einem Team besteht, kann das ausreichen.

Die meisten Unternehmen sind zu groß, um ausschließlich mit durch Scrum lokal optimierten Teams erfolgreicher zu werden. Der Erfolg dieser Unternehmen hängt zum einen ab von der Qualifikation und Veränderungsbereitschaft der Mitarbeiter sowie von der an Wertschöpfung orientierten Organisationsstruktur und der für den Markt relevanten Flexibilität und Geschwindigkeit.

Fazit

 

Unternehmen brauchen für die Herausforderungen der Gegenwart hochmotivierte Mitarbeiter, eine schnelle und hohe Anpassungsfähigkeit bei ausreichender Stabilität, gewürzt mit Innovationsfreude. hierfür brauchen sie eine an der Wertschöpfung ausgerichtete Organisation und die besten Mitarbeiter. Scrum ist ein Werkzeug, das bei einer Veränderung unterstützen kann, bleibt aber bisher in der Regel noch ein Instrument für lokale Optimierung. Also ist Scrum (in Teams allein) nicht die Lösung für ein erfolgreicheres Unternehmen.

Gute Ideen, die über Scrum hinaus gehen, bieten Niels Pfläging und Silke Herrmann in ihrem Buch „Komplexithoden“ – reinschauen lohnt sich.

Und jetzt? Weiterlesen – Warum Scrum dann doch eine Lösung sein kann.

(Das Titelbild ist von Jessica Paterson – vielen Dank!)

4 Comments

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  1. Hallo Daniel,

    vielen Dank für diesen spannenden Artikel! Einen Aspekt, der wahrscheinlich im Begriff „Mitarbeiter“ im Artikel verborgen ist, ist das Thema Führung. Nur wenn auch die Führungsmannschaft die Scum Values verstanden und verinnerlicht hat und jeder Einzelne bereit dazu ist los zulassen und persönliche Macht abzugeben, ist der Rahmen für erfolgreiche agile Zusammenarbeit gegeben.

    In der Realität ist es eine der größten Herausforderungen, die Führungsmannschaft für die agilen Werte zu gewinnen. Mitarbeiter tun sich nach der üblichen anfänglichen „Irritation“ in der Regel deutlich leichter mit der Adaption agiler Arbeitsmethoden. Führungskräfte sehen den Verlust von Macht und Einfluss oft auch als eine persönliche Bedrohung an und ver/behindern damit leider die nötige agile Kultur in einem Unternehmen.

    Es ist also wichtig, neben der Gesamtorganisation und den lokalen Teams, immer auch (besonders) mit der Führungsmannschaft zu arbeiten und deren unausgesprochene Ängste und Sorgen aufzugreifen, aufzulösen und Handlungsperspektiven jenseits vertrauter Denk- und Handlungsmuster zu entwickeln. Leichter geschrieben als getan.

    1. Hallo Christian,

      vielen Dank für deine Ergänzung. Du hast natürlich vollkommen Recht, dass die Führungskräfte als Teil einer Gesamtorganisation auch dabei unterstützt werden müssen, ihr Verhalten an agilen Prinzipien auszurichten.

      Viele Grüße
      Daniel

  2. Passend dazu ein Zitat von Vasco Duarte (@duarte_vasco): A process is an idealized vision of how people collaborate. If you follow the process you shooting for utopia. #agile #scrum

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