Übung macht den Meister (Shu-ha-ri)

Derzeit lese ich das Buch „The Culture Game: Tools for the Agile Manager„. Als wichtiger Bestandteil agiler Methoden wird auch in diesem Buch „das Lernen“ gesehen. Auch wenn sich im Agilen Manifest nicht explizit zum Thema Lernen geäußert wird, taucht es überall auf durch die Ideen, kontinuierlich zu inspiziere und zu adaptieren sowie einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess zu fordern und fördern.

Shu-Ha-Ri kommt aus dem asiatischen Kampfsport und beschreibt drei Schritte auf dem Weg zum Erlernen (von Fähigkeiten). In  verschiedenen Büchern und Beiträgen zu agiler Software Entwicklung stolpert man immer wieder über diesen Begriff. Der Aikido-Meister Seishiro Endo äußerte sich in einem Interview aus dem Jahr 2005 wie folgt (frei übersetzt):

„Es ist bekannt, dass wir durch die Stadien der shu, ha, und ri gehen, wenn wir etwas lernen oder trainieren. Diese Stufen lassen sich wie folgt beschreiben. In shu wiederholen wir die Bewegungen diszipliniert genau so, wie sie unsere Vorfahren definiert haben. Wir bleiben den Übungen treu und weichen nicht davon ab. In der Phase ha haben wir uns diszipliniert, die Bewegungen erlernt und können durch veränderte und verworfene Bewegungen eigene Neuerungen einführen. Schließlich in ri weichen wir völlig vom Gelernten ab, öffnen die Tür für eigene kreative Techniken und kommen dahin, dass wir uns in Übereinstimmung mit unserem Herz/Geist ungehindert bewegen, ohne dabei Gesetze zu überschreiten.“

Etwas allgemeiner gefasst kann man also sagen, dass das Lernen (trainieren) wie folgt in drei Phasen betrachtet wird.

Phase 1: Shu (Regeln befolgen)

Shu bedeutet übersetzt so viel wie „beschützen“ und auch „gehorchen“. In der Phase geht es darum, das eigentliche Vorgehen zu erlernen und auch nach dem vorzugehen, wie es vorgeschrieben (oder in Büchern beschrieben) ist. Im Blick auf die Einführung agiler Methoden geht es darum, die Regeln auszuführen um zu lernen, wie das Arbeiten nach diesem Prozess funktioniert. Vor allem der Scrum Master hat als Change Manager die herausfordernde Aufgabe, auf der einen Seite auf die Durchführung der Prozesse nach Regeln und dahinter liegenden „Gesetzen“ zu achten, seinen Mitarbeitern gleichzeitig aber auch ein Verständnis zu vermitteln, warum diese Regeln und Gesetze sinnvoll sind.

Phase 2: Ha (Regeln brechen)

Ha bedeutet übersetzt so viel wie „mit etwas brechen“ oder „abschweifen“. In der Phase geht es darum, die erlernten Techniken im Rahmen ihrer Grenzen auszuprobieren und besser kennenzulernen, um den tieferen Sinn dahinter zu verstehen. Wenn man im agilen Kontext gelernt hat, wie es geht, kann man eigene Dinge auszuprobieren und zu verstehen, warum das so geht und sich erste eigene Ideen zu Nutze machen. Der Scrum Master muss für ein wachsendes tiefgreifendes Verständnis sorgen und darauf achten, dass die Grundwerte bei individuellen Anpassungen nicht verletzt werden.

Phase 3: Ri (Regeln machen)

Ri bedeutet übersetzt so viel wie „sich trennen“ oder „etwas verlassen“. In der letzten Phase des Erlernens geht es um die Freiheit, auf Basis des Erlernten und Verstandenen (das in „Fleisch und Blut“ übergegangen ist) eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn man in agiler Software Entwicklung in dieser Phase angekommen ist, dann hat man die Gesetze hinter Scrum (agile Grundwerte) so verstanden und verinnerlicht, dass man Prozesse endgültig den eigenen Gegebenheiten anpassen kann. Hier ist von Team und Scrum Master Kreativität und Mut gefragt, um mit bestehenden Strukturen zu brechen und auf Basis weiter bestehender Grundwerte und Gesetze einen idealen Arbeitsprozess zu entwickeln und weiter zu pflegen.

Überspringt man diese Phasen und will direkt im Ri Prozesse anpassen besteht leicht das Problem, dass Entscheidungen ohne ein klares Verständnis getroffen werden und damit Scrum zum Scheitern verurteilt sein kann. Ein einfaches Beispiel aus dem Leben: Wenn ich lernen Auto zu fahren, dann muss ich erst die Regeln kennenlernen und verstehen, fahre sehr vorsichtig und wenig routiniert, werde eher kurze Strecken im Beisein von routinierten Fahrern fahren. Wenn ich Übung habe und weiß, wie sich mein Auto verhält, dann fahre ich auch längere Strecken und komme auch mit andersartigen Schildern im Ausland zurecht. Wenn ich richtig erfahren bin, dann brauche ich nicht mehr alle Schilder zu beachten, kann selbst entscheiden im Rahmen der Gesetze und finde mich auch in ungewohntem Fahrwasser (Rechts- statt Links-Verkehr) schnell zurecht. Einen Fahranfänger aus Deutschland direkt mit vier weiteren unerfahrenen Insassen in England fahren zu lassen, birgt ein gewisses Risiko und Selbstüberschätzung unerfahrener Autofahrer ist bekanntermaßen eine häufige Ursache für Unfälle.

Anders gesagt: Erst üben wie es geht, dann verstehen, warum es so geht. Und wenn man nicht mehr aktiv darüber nachdenken muss, wie und warum es geht, dann entscheiden, wie es besser geht.

Es gilt auch hier das alte Sprichwort: Übung macht den Meister.

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