Scheitern ist Scheiße

Die Arbeitswelt muss sich verändern, um mit der steigenden Komplexität der Umgebung umgehen zu können. Wir brauchen ein hohes Maß an Kooperation und die Bereitschaft zu einem kontinuierlichen Lernen aus Erfahrungen. Dabei sind wir in mancherlei Hinsicht von der Bahn abgekommen.

Überall hört und liest man von der Kunst des Scheiterns, von Fehlerkultur und dass man einfach nur ausprobieren muss. Als wären wir lediglich Opfer der komplexen Umstände und alles Wissen und alle Erfahrung wäre wertlos. Als müssten wir uns unserem Schicksal fügen und wenigstens das Beste aus unserer Machtlosigkeit machen. Und was ist das Beste? Uns in unserem Scheitern und für unsere gemachten Fehler auf die Schultern zu klopfen und das zu feiern?

So ein Unfug

Wir sind keine Opfer und wir sind nicht ausgeliefert, sondern Teil der Komplexität. Auch wenn sich meine Meinung zum Beispiel in den Artikeln „Wettbewerbsvorteil Fehlerkultur“ und „Wir experimentieren“ nicht grundsätzlich geändert hat, ärgere ich mich heute über manche Formulierungen in den Texten. Und weil sich zu feiern für Scheitern totaler Unfug ist, habe ich die Idee, bei uns im Unternehmen eine FuckUp Night einzuführen, konsequenter Weise für mich vorerst an den Nagel gehängt.

Bitte versteht mich nicht falsch. Natürlich bin ich weiterhin überzeugt davon, dass ein wesentliches Merkmal in modernen Arbeitswelten die Bereitschaft sein muss, regelmäßig in kurzen Zyklen retrospektiv auf die Dinge zu blicken, sich dabei auch Kritik zu stellen, um kontinuierlich  Anpassungen vorzunehmen und damit mindestens gut zu bleiben oder immer wieder ein Stück zu verbessern.

Was ich leider zu oft erlebe ist, dass wir uns besänftigen, indem wir über die Kunst des Scheiterns reden, Fehlerkulturen besprechen oder FuckUp Nights einführen. Da heißt es im Artikel zu den FuckUp Nights am Ende: „Mitnehmen kann jeder: Stromlinienförmige Karrieren sind nur für Loser.“ Sehr glaubwürdig. Jemand mit einer stromlinienförmigen Karriere wird das möglicherweise anders sehen. Ungefähr so wie all die Lottospieler, die sich so lange beteuern wie problematisch es ist, Lottomillionär zu sein, bis sie Lottomillionär sind. Außerdem wird der Umgang mit Fehlern und Scheitern auf diesen Austausch begrenzt. Das ist einfach. Das ist unterhaltsam. Das tut nicht weh. Das kostet kein Geld. Aber diesen ersten Schritt „inspect“ ohne den zweiten „adapt“ zu machen, erzeugt keinen Wert.

 

Fuck FuckUp Nights

Etwas an die Wand zu fahren ist keine Kunst und nicht cool. Scheitern als etwas Tolles präsentiert zu bekommen, schützt nicht vor eigenem Scheitern und hilft nicht, mit dem Risiko des eigenen Scheiterns umzugehen. Besonders „dicke Eier“ zu haben, weil man sich Fehler eingesteht und öffentlich über das eigene Scheitern redet, bringt Aufmerksamkeit und Schulterklopfer – aber ist das Sinn und Zweck? Hat das einen wirklichen Nutzen? Hinzu kommt: Projekte und Vorhaben sind nicht vergleichbar. Also sind auch die Lernmöglichkeiten für Zuhörer bei FuckUp Nights beschränkt. Immerhin ist wenigstens jeder froh, selbst nicht in der Form gescheitert zu sein. Jeder Gescheiterte hätte das lieber nicht erlebt und ist auch nicht angetreten, um zu scheitern.

 

Scheitern ist Scheiße

Egal ob beruflich oder privat: zu scheitern – also keinen Erfolg zu haben – ist sehr weit weg von „cool“. Es fühlt sich nicht gut an, kostet Kraft, Energie, hält auf und schmerzt häufig sogar. Herzblut in etwas zu stecken und dennoch nicht erfolgreich zu sein ist weit weg von dem, was sich Menschen wünschen und ein verdammt unangenehmes Gefühl. Nur weil es sich manchmal dennoch nicht vermeiden lässt, weil man eben nicht alles beeinflussen kann, wird es deswegen weder eine Kunst, noch erstrebenswert oder cool. Entsprechend ist es auch nicht sinnvoll, etwas einfach irgendwie zu machen und sich seinem Schicksal der Unvorhersehbarkeit komplexer Umgebungen auszuliefern mit der Entschuldigung, dass man ja nicht wissen kann und erst hinterher aus Erfahrungen klug wird.

 

Fehlerkultur ist

Wie oft hört und liest man heutzutage, man bräuchte eine Fehlerkultur. Was bitte soll das bedeuten? Kultur ist. Fehlerkultur ist. Wenn davon gesprochen wird, dass ein Unternehmen eine Fehlerkultur braucht, ist die Lösung schon da. Jedes Unternehmen hat seine Fehlerkultur. Und wenn beispielsweise bei Toyota davon geredet wird, dass in ihrer Kultur Fehler willkommen geheißen werden, dann bedeutet das nicht, dass es bei Toyota gut ist und gern gesehen wird, wenn Fehler passieren. Auch dort wird versucht, Fehler zu vermeiden. Wir brauchen nicht das Verständnis, dass Fehler zu machen kein Problem ist. Wir brauchen keine Kultur, in der Fehler gefeiert werden.

Worum es eigentlich geht

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Menschen werden an ihren Erfolgen und Misserfolgen gemessen und das gilt es aufzubrechen. Den Umgang mit Niederlagen zu verändern gelingt dabei weder durch stylische FuckUp Nights, noch indem man deklariert, dass Scheitern nicht schlimm ist und dabei Auswirkungen aus Fehlern unter den Teppich gekehrt werden. Das würde der harten Realität des Scheiterns und den manchmal gravierenden Auswirkungen von Fehlern nicht gerecht. Auch das immerwährende Gefasel um die Fehlerkultur ist dabei nicht förderlich. Fehler zu machen und zu scheitern gilt es weiterhin zu vermeiden, indem man schlau kooperiert und dabei all das gemeinsame Wissen und jede Erfahrung einsetzt.

Was wir nicht brauchen

Wir müssen nicht lernen, dass Fehler passieren können und Scheitern in Betracht gezogen werden muss. Das wissen wir schon. Wir müssen uns nicht beglückwünschen für unsere Fehler. Wir brauchen keine Unterhaltungsshow über das Scheitern.

Das Feiern von Misserfolgen ist vollkommen verkehrt und widernatürlich. Selbst der hartgesottenste Fan einer Fußballmannschaft käme nicht auf die Idee, die verlorenen Spiele seiner Mannschaft zu feiern, weil sie gelernt hat, dass sie so nicht gegen die andere Mannschaft gewinnen kann.

Wir müssen auch nicht lernen, Fehler zu machen oder zu scheitern. So wie wir nicht lernen müssen hinzufallen. Das bekommt jeder ohne lernen hin. Erzählt zu bekommen, wie andere hingefallen sind, schützt wenig vor dem eigenen Sturz und hilft kaum dabei selbst zu lernen, wie man sich auffängt und schnell wieder auf die Füße kommt.

Was wir brauchen

Basierend auf dem Wissen, dass trotz großer Anstrengungen Fehler nicht ausgeschlossen werden können, brauchen wir eine Grundhaltung bei allen Mitarbeitern, dass jeder immer im Rahmen seiner Möglichkeiten, seines Wissens und seiner Erfahrungen sein Bestes gegeben hat. Menschen, Teams und Organisationen müssen robust genug werden, um Fehler auszuhalten. Wenn wir fallen müssen wir lernen, uns gut aufzufangen und schnell wieder aufzurappeln. Motivierend sind nicht Fehler, sondern Erfolge bei lösungsorientiertem Vorgehen. Wenn doch etwas schief gelaufen ist, ist Trost und Unterstützung hilfreich, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Suche nicht nach Fehlern, suche nach Lösungen.Henry Ford

Wir brauchen eine Kultur des Lernens und die gibt es nicht umsonst, die entsteht und lebt nicht in einzelnen FuckUp Nights und dem gegenseitigen Beteuern, dass es nicht schlimm ist, wenn Fehler passieren. Statt sich über Scheitern zu unterhalten, müssen wir uns darüber unterhalten, was aus dem Scheitern gelernt wurde und welche Veränderungen erfolgreich waren.

Wir brauchen eine Kultur der kontinuierlichen Veränderung, in der es wichtiger ist, schnelle aber wohl überlegte Entscheidungen zu treffen, statt die Misserfolge in den Mittelpunkt zu rücken. „Inspect“ ist nicht der Schwerpunkt, sondern die Voraussetzung. „Adapt“ – also die Anpassung von Verhalten und Vorgehen auf Basis der Erkenntnisse – ist relevant.

Wir brauchen eine Kultur der Kooperation, in der jeder Beteiligte weiß, dass er sein Ziel nur mit anderen gemeinsam erreichen kann. Mit der nötigen Demut, dass es immer jemanden geben wird, der zu manchen der Themen mehr beitragen kann mit seinem individuellen Wissen und seinen Erfahrungen. Eine Kultur, in der Unterstützung bei gemeinsamen Zielen und ein sozialer, wertschätzender Umgang zu den höchsten Werten gehören.

Wir brauchen eine Kultur des Handelns, in der trotz der Erkenntnis, dass auch bei aller Erfahrung und aller Sorgfalt ein Misslingen nicht ausgeschlossen werden kann, dennoch kein Stillstand entsteht. In der mutig wohl überlegte, neue Wege gegangen werden.

 

Für das gemeinsame Lernen mit anderen, für mutige Entscheidungen und für Veränderungen brauchen Menschen keine besondere Bühne, sondern vor allem Zeit, Rückhalt, Verständnis und Vertrauen.

(Das verwendete Bild ist von Hamza Butt – Vielen Dank!)

5 Comments

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  1. Noch ein guter Gedanke aus sozialen Netzwerken dazu von Frank Muchlinsky: Nicht von Scheitern oder Niederlage oder Fehler und Irrtum zu sprechen, sondern von Gelingen und Misslingen. Finde ich eine gute Idee.

  2. Da es immer noch Kontexte gibt, in denen es wichtig ist, den Leuten klar zu machen, dass Scheitern dazu gehört, tue ich mich schwer, das Thema einfach beiseite zu legen. Es ist die Voraussetzung lernen zu können.
    Scheitern mag ein schwieriges Thema für Einzelne sein, ist aber auch eine Chance zur Selbstreflexion. Und davon können wir einiges mehr brauchen, im Unternehmen wie in der Gesellschaft.

    1. Was bringt die Chance auf Selbstreflexion, wenn auf das Scheitern genau das nicht folgt. Es ich sage ist: es ist Unfug, Scheitern zu feiern (und in FuckUp Nights z.B. sieht man vor allem die, die sich nach dem Scheitern wieder aufrappeln konnten). Erfolgreiche Selbstreflexion kann man feiern, das ist dann aber ein Erfolg und kein Scheitern.

      Scheitern alleine hat keinen Wert, bis daraus gelernt wurde, also muss man den Fokus auf das Lernen und die Verbesserung legen und damit motivieren, statt sich mit dem Scheitern (ausschließlich) zu beschäftigen.

  3. Hi Daniel, grundsätzlich ganz gute und nachvollziehbare Gedanken – aber mir geht das an manchen Stellen noch nicht weit genug.

    Ständiges Scheitern macht ja auch was mit dem einzelnen Menschen (solang er sich nicht damit hinter einer Gruppe versteckt – dem Team). Erfolg ist in unserer Gesellschaft ein Garant für Anerkennung – und Anerkennung die Währung, mit der das eigene Ego gefüttert wird. Kurzum: ständiges Scheitern (ob mit oder ohne Lernen) erhöht die Wahrscheinlichkeit für Depression. Kollektiv gesehen (also wieder vom Team) kann das dazu führen, dass die Leute nicht mehr an das Ziel glauben oder ihr eigenes Handeln nicht mehr hinterfragen – das wars dann mit der Innovation und dem Traum von der Selbstbestimmtheit.

    Weiterhin sind die Begriffe ‚Scheitern‘ (probieren, lernen und besser machen) und ‚Versagen‘ (probieren, lernen oder auch nicht – aber auf jeden Fall aufgeben) zu oft dieselben. Bei den Fuck up Nights zum Beispiel wird genaugenommen nicht vom Scheitern gesprochen, sonderm vom Aufgeben. Das Ziels ist dabei ja ‚Erfolg‘ zu haben und nicht das kontinuierliche Ausrichten aller Mittel auf die bestmögliche Lösung für ein Problem (bis hin zum Ändern des Mind-Sets oder der „Kultur“ – wie man heute so schön sagt).

    Im Umfeld der Startups und Entrepreneurs dieser Welt fühlt es sich an wie ein kapitalistischer Narzissmus, in dem so lange rumkanibalisiert wird (durch rücksichtsloses Scheitern), bis das nächste Einhorn geboren wurde. Also solange aufgeben, versagen, scheitern, bis Erfolg in Form von einer schwarzen Null, einem gelaunchten Produkt oder einem Investor vorhanden ist – und damit dann die maximale Anerkennung. „Einhörner“ sind dabei eine schöne Mysitifizierung, die gerade sehr en vogue ist und schon hat die nächste ‚urban legend‘ ihre Fans. Applaus!

    Irgendwie schmutzig!

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