Ja zu verteilten Teams?!

Der Anspruch agiler Methoden wie Scrum ist es, dass Menschen möglichst zusammen an einem Ort sitzen. Das steht in einem gewissen Widerspruch zur sich verändernden Gesellschaft, in der Mitarbeiter ihr Büro in Form von multifunktionalen Smartphones und Tablets immer in der Jackentasche dabei haben. Längst wird nicht mehr nur am Arbeitsplatz im Büro gearbeitet, sondern unterwegs im Zug, in Cafés, in Parks oder einfach nur zu Hause.

In der Wissensgesellschaft von heute ist kontinuierliches Lernen ein wesentlicher Teil der Arbeit und diese Arbeit wollen sich die Mitarbeiter von heute und morgen nicht in beschränkte Zeitfenster pressen lassen. Immer wichtiger neben der Grundversorgung – also einem fairen Gehalt – und der eigenen Karriere sind soziale Strukturen wie Familie, Freunde, Vereine und Ähnliches. Längst gibt es die alte familiäre Struktur, in der der Mann das Geld verdient und die Frau sich um die Familie kümmert, nicht mehr. Für die Generation Y ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sich das Privatleben und die Karriere bei der Arbeit vereinbaren lassen.

Was bis vor kurzem Unternehmen von Mitarbeitern erwarteten, erwarten mittlerweile die Mitarbeiter von ihren Unternehmen. Die Mobilians von heute und morgen schätzen die eigene Flexibilität nicht nur, sondern betrachten sie zunehmend als Selbstverständlichkeit. Dabei passt die eigene Flexibilität nicht immer zu den Wünschen des Unternehmens. Einige Mitarbeiter von heute, sicherlich aber immer mehr Mitarbeiter von morgen wollen nicht nur eigenverantwortlich entscheiden können, wie sie arbeiten, sondern auch wann und wo.

Für die Generation Y geht es also längst nicht mehr um Work Life Balance – das war gestern in einer Zeit, in der man noch von einer starken Trennung zwischen Beruf und Privatleben ausgegangen ist. Es geht nicht um die Balance zwischen Work und Life sondern darum, dass Work selbst als wesentlicher Teil von Life zu dem ganz individuellen Lebensentwurf passt. Menschen wollen sich selbst verwirklichen, wollen gute Arbeit zu leisten und sich dabei möglichst wenig durch ihren Arbeitgeber einschränken lassen im selbstbewussten Wissen, dass sie selbst am besten wissen, wie sie effizient gute Ergebnisse liefern können.

Gleichzeitig werden Aufgaben komplexer und werden zunehmend durch Teams und nicht mehr von einzelnen Experten erledigt. Auch wenn sich sicherlich die Meisten einig sind, dass Mitarbeiter am Besten in Teams zusammen arbeiten, wenn sie gemeinsam an einem Ort (in einem Büro) sitzen bin ich mir sicher, dass sich dieses Modell nicht immer umsetzen lässt. Nicht immer lassen sich die Anforderungen an die Mitarbeiter, die man aktuell hat, anpassen. Nicht immer hat man die Zeit, das benötigte Wissen aufzubauen, nicht immer sind Mitarbeiter bereit, für ihren Job einen Standortwechsel vorzunehmen.

Ich glaube weiterhin, dass Mitarbeiter am effizientesten im Team arbeiten können, wenn sie zusammen an einem Ort sitzen. Ich glaube aber nicht daran, dass sich das immer umsetzen lässt – sowohl aus Unternehmenssicht, vor allem aber auch weil Mitarbeiter von morgen (und teilweise von heute) dabei nicht mehr immer mitmachen. Bei aller berechtigten Vermeidungsstrategie von verteilten Teams gehe ich dennoch davon aus, dass sich die Situation in der Zukunft von temporär oder dauerhaft verteilten Teams verstärken wird, weil Mitarbeiter nicht mehr nur an ihrem Arbeitsplatz arbeiten können und wollen, sondern für die Verbindung aus Karriere und Privatleben eine hohe Flexibilität von ihrem Arbeitgeber und den Kollegen in ihrem Team erwarten (und wenn es nur für einzelne Tage ist).

Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie wir mit Teams gute Ergebnisse erzielen können, bei denen die Mitarbeiter nicht zwingend immer gemeinsam an einem Ort sitzen, weil Arbeit in Wissensberufen zunehmend weniger an spezielle Orte gebunden ist. Wir brauchen also Ideen, die Arbeit in Teams an unterschiedlichen Orten effizient ermöglicht.

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  1. Keith Richards wurde 2011 als „Most Valuable Agile Player UK“ ausgezeichnet. Seine Haltung zu dem Thema ist: Wenn „agil“ in den nächsten 10 Jahren weiter wachsen will, dann reicht es nicht, in verteilten Umgebungen zu funktionieren, es muss auch in diesen Umgebungen sehr gut funktionieren.

    Zum Thema „verteilte Teams“ benennt er in seinem Beitrag „Distributed Agile: 8 ways to get more from your distributed teams“ acht Dinge, die man berücksichtigen muss, wenn man in verteilter Umgebung erfolgreich agil arbeiten will.

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