Es muss nicht immer Scrum sein

Gastbeitrag:

„Dieser Scrum-Scheiß da.“
So, oder so ähnlich habe ich es immer wieder formuliert gehört – in vielen Situationen – spätestens nach dem zweiten Planning, also vier bis sechs Wochen nach Projektbeginn. Die Kollegen mit verschiedenen Kompetenzen sitzen total erschöpft vom Hahnenkampf zusammen und fragen sich, ob man diesen ganzen Kram denn überhaupt braucht. „Meetings, Meetings! Ich möchte auch mal was arbeiten. Stattdessen sitze ich schon wieder hier und es wird nur gelabert.“


Das kann ich verstehen – sehr gut sogar. Auch ich habe mich schon oft gefragt, ob diese Vorgehensweise sinnvoll ist. Ob ich zu einer schlüssigen Antwort gekommen bin, fragst Du Dich? Dann antworte ich doch ganz klar mit einem absoluten: Es kommt drauf an. Eines kann ich aber ganz sicher sagen. Scrum ist keine Methode, die vom Management aufinstruiert werden kann. „Wir machen das nach Scrum“ funktioniert genau so wenig wie „Los, Kuh, jetzt tauche!“

Oft stand ich in einem zusammen gewürfelten Haufen von Leuten, die schon mal was von Scrum oder agilen Methoden gehört haben. Im Daily suchen und halten sie den Blickkontakt zum Scrum Master und zählen einzeln auf, welche Aufgaben sie gestern erledigt haben. Im Planning erwarten sie, dass einer vortanzt und Ihnen aufgibt, was sie im nächsten Sprint zu tun haben.

Für mein Verständnis kann man es dann auch gleich lassen. Ohne eigene Motivation funktioniert diese Idee nicht. Scrum gibt zwar ein gewisses Rahmenwerk vor, aber das muss auch – so sagt man doch in Bürosprech so schön – gelebt werden. Darüber hinaus und bezugnehmend auf meine oben genannten Beispiele bin ich von einem überzeugt: Insbesondere Scrum funktioniert nur, wenn jeder Projektbeteiligte hinter der Idee von Scrum steht – man könnte auch sagen – auf Scrum Lust hat. Ist diese Bedingung nicht erfüllt, rieselt nicht nur Sand ins Getriebe, sondern es werden ordentliche Kiesel zwischen die Zahnräder geschmissen.

Für eine Gruppe, die mit Scrum vertraut ist, darauf Lust hat und vorher noch nie zusammen gearbeitet hat, ist diese Methode ein Segen. Für eine Gruppe, die aber die Methode Scrum nicht kennt und die plötzlich danach arbeiten soll, ist das es ein Dorn im Auge und im besten Falle etwas, was „die da oben für ’ne gute Idee halten“.

Deswegen kann ich nur betonen: Scrum soll eine Hilfestellung sein. Sorgt bitte dafür, dass jeder Beteiligte das versteht und die Vorteile für sich und sein Team erkennt. Ist der Widerstand groß, seht von der Idee ab und sorgt in jeden Fall für häufige und klare Kommunikation. Nicht jeder möchte oder kann nach den Prozessen dieser Vorgehensweise arbeiten. Wird es zum Zwang, wird es nicht funktionieren oder die Zusammenarbeit verschlimmbessern.

Über den Gastautor:
Marcel Koch beschäftigt sich seit 2000 mit der Entwicklung von Software und Websites. Er ist polyglott und stolz drauf. (Marcel Koch bei Twitter)

One Comment

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  1. Scrum hat keinen Selbstzweck und soll Vorteile bringen – für alle Beteiligten. Wenn das so nicht wahrgenommen wird und sich der Eindruck eines vorteilhaften Vorgehens nicht erzeugen lässt, dann wird sich wahrscheinlich kein Erfolg einstellen. Die spannende Frage ist: Warum ist der Widerstand groß?

    Ich würde auch aus dem Bauch sagen: Ohne Motivation funktioniert nicht nur Scrum nicht – ohne Motivation funktioniert die Erledigung von Arbeit egal wie und bei was nicht gut. Und vom Management aufinstruierte Methoden funktionieren immer nur dann, wenn sie von den Kollegen umgesetzt werden – unabhängig vom Modell, oder?

    Wenn Unternehmen zunächst ohne explizite Prozesse arbeiten, dann regieren individuelle und implizite Prozesse. In diesem Fall wird es grundsätzlich schwer, Prozesse einzuführen – unabhängig vom konkreten Modell, da bisherige Freiheit eingeschränkt wird. Diese Einschränkung muss einen erkennbaren Nutzen haben – so oder so.

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