Führung

Auch selbstorganisierte Teams brauchen Führung

Immer wieder begegnet mir die Annahme, dass agile(r werdende) Unternehmen auf Manager und Personen mit Führungsverantwortung verzichten können. Ich halte das für einen Irrglauben, der häufig sowohl von einem falschen Verständnis für das Konzept „selbstorganisiertes Team“ als auch von einem zu traditionellen Bild auf das Thema Führung lebt.

Gleich vorweg: Wir haben häufig Schwierigkeiten mit dem Thema Führung oder Führer.  Dennoch ist Führung in Gruppen/Teams unabhängig von Unternehmensstruktur oder agiler Ausrichtung aus meiner Sicht unverzichtbar. Im Buch „Erfolgreich mit Scrum – Einflussfaktor Personalmanagement“ von Boris Gloger und Andre Häusling heißt es auf den Punkt gebracht:

„Führung ist auch in Scrum nötig und ist ein immanenter Bestandteil des Prozesses. Allerdings ändert sich in Scrum das Verständnis, wie sinnvolle Führung aussehen sollte.“Boris Gloger und Andre Häusling

Esther Derby schreibt in ihrem Blog-Beitrag „Misconceptions about Self-Organizing Teams“ unter anderem:

„Self-organizing Agile teams do have–bounded—authority to make their own commitments, organize and assign their own work. […]

But they are not out there on their own, disconnected from the organization. […]

Managers must create the conditions that enable teams to thrive and continue to self-organize. Manager need to work across the organization to create a work system that enables teams to deliver value to customers and the organization. And managers need to work with the team to set appropriate boundaries and constraints. […]“Esther Derby

In einem früheren Beitrag schrieb ich, dass sich selbstorganisierende Teams nicht selbst organisieren. Damals beschränkte ich das auf unerfahrene Teams, mittlerweile bin ich überzeugt, dass es rein menschlich ist, geführt werden zu wollen. Kaum eine Gruppe mit gemeinsamem Ziel kommt ohne Führung aus: Seien es die Kapitäne in Fußballmannschaften, die Leute mit den Megaphonen bei Demonstrationen, die Raid-Leiter in Online-Rollenspielen oder die „Anführer“ in einer Schulklasse und viele mehr. Führung kann dabei innerhalb einer Gruppe durch fachliche Kompetenz oder Persönlichkeit entstehen, wird aber in der Regel auch geplant und organisiert. Im Scrum-Umfeld ist innerhalb eines Teams der Scrummaster dieser Teamleiter/Teamführer.

Die Frage ist also nicht: Brauche ich in meinem Unternehmen Personen, die Führung übernehmen, sondern wie gestalten sie diese Führungsaufgabe.

Der seit 2009 auch zu findende Management 2.0 Ansatz empfiehlt unter anderem kooperative Strukturen und flache Hierarchien, Kommunikation, Offenheit und Transparenz, lehnt damit das traditionelle Verständnis von Führung ab, schließt aber Führung selbst nicht aus. Führung auf Basis gemeinsamer Regeln und adressierter Verantwortung bleibt notwendig. Die Idee, traditionell gelebte Führungskonzepte durch eine neue Unternehmensstruktur ablösen zu können und möglichst auf vor installierte Führungsrollen vollständig zu verzichten ist aus meiner Sicht wenig zielführend. Besser ist die Entwicklung eines neuen Führungsverständnisses im Sinne von Management 2.0, von agilen Methoden – im Sinne von Führung als Dienst für die Menschen und weniger als Kontrolle für das Unternehmen – um einen wirklichen kulturellen Wandel voranzutreiben.

2 Comments

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  1. Nach etwas Überlegung fällt mir die provokative Gegenfrage ein: Wo handelt der Scrum Master nicht führend? Am Ende ist das sicherlich eine Frage des Führungsverständnisses, aber wenn man von „dienender Führung“ (Servant Leadership nach Robert K. Greenleaf) ausgeht, dann deckt sich das in weiten Teilen mit meinen Vorstellungen von Führung und meinen Vorstellungen zu den Aufgaben eines Scrum Masters.

    In Scrum gibt es keine benannten Grenzen der Führung – Scrum beschreibt drei Rollen und darunter die des Scrum Masters und es wird nicht darüber gesprochen, wer welche Art von Führung übernehmen kann/soll und wo welche Grenzen sind. Das sind Fragen, die von Team zu Team und von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich sein können. Häufig liest und hört man, dass disziplinarische Führungsaufgaben nicht gut beim Scrum Master (übrigens auch nicht gut beim Product Owner) aufgehoben sind – das teile ich so nicht unbedingt. Über dieses Thema will ich mich in einem kommenden Blog-Beitrag nachdenken.

  2. Das Thema Scrummaster und „Führung“ ist auch bei uns ein ewiger Unsicherheitsfaktor. Kann man konkrete Beispiele benennen in denen der Scrummaster führend handelt ? Und wo sind die Grenzen dieser Führung ?

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