Glasperlen

Alternative Schätzverfahren

Ein wichtige Aufgabe zu Beginn eines Projekts, Produkts oder einer Iteration ist die Planung der Aufgaben. In Scrum werden hier üblicherweise Features oder User Stories aufwandsbewertet. Diese Bewertung erfolgt oft durch ein Scrum Poker.

Die Aufwände hierfür ufern gerade bei komplexen und/oder komplizierten Aufgaben oder schlichtweg bei langen Iterationen oft aus, einzelne Teammitglieder verstricken sich in lange Diskussionen über – im Gesamtkontext gesehen – teilweise unwichtige Details. Außerdem kommen in den Diskussionen zu Inhalten der Aufgaben häufig einzelne Teammitglieder nicht zu Wort oder beteiligen sich nicht wirklich.

Eine unterhaltsame und schneller durchzuführende Methode liegt darin, Aufgaben nach ihrer Komplexität zu gruppieren und erst dann gruppiert den Aufwand für die einzelnen Aufgaben in der jeweiligen Gruppe zu bewerten. Die Methoden hier nennen sich „Team Estimation Game“ oder „Silent Grouping“ und sind beide ziemlich ähnlich.

Die Erfahrungen bisher: die beiden neuen Methoden liefern ebenso valide Schätzergebnisse wie das Planning Poker, brauchen weniger Zeit und sind gerade für komplexere oder sehr umfangreiche Themen eine unterhaltsame und gute Alternative.

Team Estimation Game:

Das Team Estimation Game hat drei Phasen

  1. Vorbereitung
  2. Individuelle Einschätzung
  3. Aufwandsbewertung

Vorbereitung:

Die Aufgaben (am Besten in Form von Userstories) werden mit den wichtigsten Informationen auf einzelne Karten geschrieben und nach Priorität sortiert. Die höchste Priorität liegt an oberster Stelle. Die Aufgaben sollten selbsterklärend sein oder der Product Owner steht für weitere Erläuterungen zur Verfügung.

Individuelle Einschätzung:

Der Reihe nach zieht jedes Teammitglied eine Karte und positioniert sie auf dem Tisch. Dabei gilt – je weiter links die Karte liegt, umso weniger komplex ist die User Story, je weiter rechts umso komplexer und liegen mehrere User Stories untereinander, haben sie eine ähnliche oder gleiche Komplexität. Die Person, die jeweils am Zug ist, hat die Möglichkeit Fragen an den Product Owner oder die anderen Teammitglieder zu stellen, um die Komplexität für sich bewerten zu können. Anstatt eine neue Karte zu ziehen, hat jedes Mitglied auch die Möglichkeit, eine auf dem Tisch platzierte Karte neu zu platzieren. Das wird so lange fortgesetzt, bis keine Karten mehr gezogen oder neu positioniert werden.

Wichtig: Der Scrum Master muss darauf achten, dass die Spielregel eingehalten werden und dass nur das Teammitglied, das am Zug ist, die Fragen stellt, um lange Diskussionen zu verhindern. Sollte eine User Story ständig die Position auf dem Tisch verändern, muss sie aus dem Spiel genommen und separat eingehender besprochen werden, da hier offensichtlich vollkommen unterschiedliche Vorstellungen von der Komplexität bestehen.

Alternative: Geübte Teams können hier auch „gleichzeitig“ agieren und müssen nicht der Reihe nach die Tasks abarbeiten und können dadurch weiter Zeit sparen. Wichtig ist hier nur: wenn es Fragen gibt, dann redet immer nur einer und die anderen hören zu.

Aufwandsbewertung:

Sind nun alle User Stories positioniert, werden die einzelnen User Story Gruppen aufwandsbewertet. Die Empfehlung wäre hier, mit Scrum Poker Karten und den Story Points in der Fibonacci-Reihe zu arbeiten. Wenn nun jede Gruppe einen Wert aus der Fibonacci-Reihe hat, kann – wie bei der Aufwandsbewertung beim Scrum Pokern auch – der Aufwand für eine User Story durch runterbrechen in Aufgaben mit echten Stundenaufwänden bewertet. Das sollte man für einen kleineren und einen größeren Wert machen, dann den Mittelwert bilden und hat den Aufwand pro Story Point und kann damit den Gesamtaufwand hochrechnen.

Vorteile dieser Methode

  • Diese Art der Schätzung geht vergleichsweise schnell.
  • Die Methode lässt sich auch bei sehr großen Teams anwenden
  • Offene Fragen und unklare Aufgaben und unterschiedliche Ansichten im Team werden schnell deutlich
  • Jeder ist gefordert und hat die Möglichkeit, sich einzubringen
  • Jeder muss Entscheidungen auch für sich treffen und sich die einzelnen Aufgaben und deren Inhalte genauer überlegen.

Silent Grouping

Die Silent Grouping Methode ist ähnlich wie die des Team Estimation Games und vier Phasen

  1. Vorbereitung
  2. Individuelle Einschätzung
  3. Gruppenschätzung
  4. Diskussion und Reflektion

Vorbereitung:

Auch hier werden die Aufgaben (am Besten in Form von Userstories) werden mit den wichtigsten Informationen auf einzelne Karten geschrieben. Die Aufgaben sollten selbsterklärend sein. Außerdem bereitet man eine Wand mit Aufwandsspalten (am besten der Fibonacci-Reihe) vor, an die die Aufwände gehängt werden können. Außerdem sollte ein „Parkplatz“ vorgesehen werden für Stories, auf die sich die Teammitglieder nicht schnell einigen können.

Individuelle Einschätzung:

Der Reihe nach zieht jedes Teammitglied eine Karte und hängt sie in die Aufwandsspalte an der Wand. Das wird so lange fortgesetzt, bis keine Karten mehr gezogen oder neu positioniert werden. In der Phase wird nicht geredet.

Gruppeneinschätzung:

Wenn alle User Stories an der Wand hängen, stehen alle Teammitglieder vor dem Board und können nacheinander einzelne User Stories in andere Aufwandsspalten hängen. Auch hier wird nicht gesprochen. Der Scrummaster muss darauf achten, dass Aufgaben nicht immer wieder zwischen den Spalten hin und her wechseln – in einem solchen Fall herrscht Diskussionsbedarf zu der Aufgabe (in der nächsten Runde). Außerdem sollte er beobachten, ob sich alle an dem Prozess beteiligen oder wer nach der individuellen Phase sich komplett rausnimmt um vielleicht rauszubekommen, woran das liegt.

Diskussion und Reflektion:

Abschließend sollten alle Teammitglieder die Möglichkeit haben, sich endgültig auf die Schätzung zu einigen bzw. sich dazu zu äußern, wie gut sie sich mit dem Ergebnis fühlen. Eine gute Möglichkeit hier ist die ebenfalls stille „Fist Of Five“ Methode: Alle Teammitglieder äußern sich in Form von Fingerzeichen, wie wohl sie sich fühlen bzw. wie sehr sie zustimmen. 1 Finger bedeutet „keine Zustimmung“, 3 Finger bedeuten „nicht sicher, aber man folgt dem Team“, 5 Finger bedeuten „volle Zustimmung“. Immer wenn mindestens ein Teammitglied weniger als drei Finger zeigt, muss der Aufwand nochmal kurz diskutiert werden. Außerdem können durch den Scrummaster „geparkte“ User Stories nochmal besprochen und eventuell in einem Planning Poker final geschätzt werden.

Vorteile dieser Methode

  • Diese Art der Schätzung geht vergleichsweise schnell.
  • Die Methode lässt sich auch bei sehr großen Teams anwenden
  • Offene Fragen und unklare Aufgaben und unterschiedliche Ansichten im Team werden schnell deutlich
  • Jeder ist gefordert und hat die Möglichkeit, sich einzubringen
  • Es eignet sich vor allem auch für eher introvertierte Teammitglieder.
  • Es eignet sich auch für internationale Teams, die nicht alle dieselbe Sprache gleichgut sprechen.
  • Jeder muss Entscheidungen für sich treffen und sich die einzelnen Aufgaben und deren Inhalte genauer überlegen.

Quellen, Weiterführende Links: Team Estimation Game (Shane Duan), Silent Grouping (Ken Power), Fist Of Five (Vibhu Srinivasan)

2 Comments

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  1. Wichtige Notiz dazu: Bei weniger aufwändigen Schätzverfahren, die in der Regel den Umfang der Diskussion bis hin zu komplett schweigendem Schätzen minimieren, geht der Teil der Entwicklung von Lösungsansätzen teilweise oder ganz verloren. Hier muss also abgewogen werden, was man in welchem Zusammenhang wann und wie genau braucht.

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